Der lange Kaddish

2. August 2010 | von

Michael Chabon, The Yiddish Policemen’s Union

Hoffentlich kann ich mir jetzt endlich die Bezeichnung für diese Art von Geschichten merken: Kontrafaktische Literatur, laut meinem in-house Experten eine Untergruppe der fantastischen, wenn nicht sogar Science-Fiction-Literatur. Darunter werden Geschichten zusammengefasst, die historisch alternative Szenarien erfinden, wie Robert Harris mit Fatherland (Hitler hat den zweiten Weltkrieg gewonnen) oder Stephen Fry mit Making History (Was, wenn Hitler nie geboren worden wäre?). Das Dritte Reich und der Zweite Weltkrieg haben ganze Regalmeter an kontrafaktischer Literatur inspiriert, naturgemäß von höchst unterschiedlicher Qualität.

Zu kontrafaktischer Literatur zählt auch The Yiddish Policemen’s Union des Pulitzerpreisgewinners Michael Chabon, und zwar zur hervorragend gemachten. Die mörderische Judenverfolgung im Dritten Reich hat in seinem 2007 veröffentlichten Roman nicht zur Gründung des Staates Israel geführt, sondern zur Auswanderung der europäischen Juden nach Alaska. Die USA haben ihnen dort ein zeitlich befristetes Bleiberecht zugestanden, es hat sich eine jüdische Gesellschaft gebildet, die Stadt Sitka, mit eigener Verwaltung und semistaatlicher Struktur. Eingebettet wird das ganze in das Genre hard boiled, noire Krimi – eine Nebenfigur heißt sogar Spade. Der Roman beginnt so:

Nine months Landsman’s been flopping the Hotel Zamenhof without any of his fellow residents managing to get themselves murdered. Now somebody has put a bullet in the brain of the occupant of 208, a yid who was calling himself Emanuel Lasker.

Das ist deswegen so hervorragend, weil Chabon eine ganze jüdische Gangster- und Polizeiwelt erfunden hat: Die Jargon der Gangstersprache ist Jiddisch (z.B. für Knarre sholem), die Straßen und Gebäude tragen deutsch klingende Namen. In der fiktiven Sprache steckt besonders viel Liebe zum Detail – und viel Komik: Während die im Süden des nordamerikanischen Kontinents lebenden Juden den Spitznamen “Mexicans” tragen, werden die Juden in Alaska von den Mexicans als “the frozen chosen” bezeichnet. (Ich finde das lustig.)

Dazu kommen 60 Jahre alternative Geschichte, die zum Teil erzählt wird, zum Teil auch nur durchscheint. Zum Beispiel ist in dem alten, heruntergekommenen Hotel, in dem der Protagonist Landsman lebt, alles in Esperanto ausgeschildert: Die ersten Siedler hatten erwartet, dass das die gemeinsame Sprache würde. Teil der Handlung ist immer wieder das schwierige Verhältnis mit den Indianern, die in Alaska leben und die mit dem Umstand fertig werden mussten, dass die USA ihnen einfach ein paar Hundertausend Europäer in ihr Wohn- und Siedlungsgebiet setzte. Oder die strengreligiöse Gemeinschaft der Verbover Jews mit ihren Mafia-ähnlichen Strukturen. Nur angedeutet wird, dass auch im Rest der Welt der Krieg ab 1941 einen anderen Verlauf genommen hat, als wir ihn kennen. Das Ganze bildet eine bei aller Tristesse dichte, lebhafte und fesselnde Welt.

Ich mochte auch die (wenigen, zugegeben) Frauen, die in der Geschichte vorkommen. Wir haben zwar die Genre-typische heiße Rothaarige – doch diese Bina ist zum einen Landsmans Ex-Frau, zum anderen seine Chefin. Eine große Rolle, wenn auch in Abwesenheit, spielt Landsmans Schwester Naomi:

Naomi was a tough kid, so much tougher than Landsman ever needed to be. She was two years younger, close enough for everything that Landsman did or said to constitute a mark that must be surpassed or a theory to disprove. She was boyish as a girl and mannish as a woman. When some drunken fool asked if she was a lesbian, she would say: “In everything but sexual preference.”

Der Plot des Romans ist sauber durchkonstruiert, dass der harmlos wirkende Mordfall vom Anfang zur Aufdeckung von immer abgefahreneren und weitreichenderen Verstrickungen führt, ist gut aufgebaut. Und wenn es mal gar zu pathetisch wird, gibt es ja immer den schnoddrigen Tonfall der noire-Vorbilder, in den sich der Roman retten kann. Ich nehme an, als Christian Kracht Anlauf nahm zu seinem missglückten Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten, hat er sich das Können erträumt, das in The Yiddish Policemen’s Union resultierte.

3 Responses to “Der lange Kaddish”

  1. m. Says:

    Mädel, du schreibst frisch,- bestimmt kannst du noch ein wenig neuer denken und schreiben;))

  2. Anselm Says:

    Oh, das klingt nach einem spannenden Buch. Aber was hast du gegen den jüngsten Kracht? Ich hatte viel Spaß mit seinem Quatsch. Und was will m. sagen?

  3. kaltmamsell Says:

    Ich fand den Kracht handwerklich höchst mangelhaft. Auch wenn es löblich ist, dass er sich in die scheinbaren Niederungen der Genreliteratur begab – es gibt gerade in diesem Genre halt bereits Meisterwerke, mit denen er sich automatisch misst.