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Paukenschlag statt Flöte

5. July 2010 | von Modeste

Wolf Jobst Siedler, Ein Leben wird besichtigt, 2000

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Vielfach liest man, mit dem Bürgertum gehe es demnächst zu Ende. Die deutsche Sprache sterbe aus, sogar die Frau des Bundespräsidenten sei abstoßend tätowiert, niemand könne mehr vernünftig Latein, und unter Bildung missverstünden die Deutschen eine unverstandene Faktensammlung, die höchstens zu Quizsendungen im Privatfernsehen tauge. Gleichzeitig genießt das Bürgerliche ein Ansehen, das zumindest ein wenig naiv anmutet, als sei vor hundert Jahren jedes Gymnasium eine kleine Gelehrtenrepublik gewesen und nicht die protofaschistische, kinderquälende Anstalt, wie sie sich in den damals vermutlich nicht von ungefähr beliebten Schülerromanen der Kaiser- und Zwischenkriegszeit spiegelt. Auch hätten sich früher Familien zu sorgsam komponierten Mahlzeiten zusammengefunden, statt hektisch vor dem Fernseher erwärmte Tiefkühlgerichte zu verzehren, weder Damen noch Herren wären in missgestalteten, bunten Plastiksäcken auf die Straße gegangen, und Ehen hätten lebenslänglich gehalten. Früher sei mithin nicht alles, aber ziemlich viel besser gewesen, und selbst wenn es nicht besser gewesen sei, dann habe es zumindest besser ausgesehen.

Zu den – wenigen – besseren Apologeten einer solcherart verklärt schöneren Vergangenheit zählt die Republik den Westberliner Publizisten und Verleger Wolf Jobst Siedler, und es mag vielleicht im Bezug zu Berlin begründet liegen, wieso Geburtstag um Geburtstag, Besuch für Besuch mehr der erstaunlich zahlreichen Werke dieses Herrn in den Haushalt spült, den der geschätzte Gefährte und ich unterhalten, unterbrochen bisweilen durch Teile des ebenfalls üppig ins Kraut geschossenen Gesamtwerks Joachim C. Fests. Möglicherweise hält man den J. und mich aber auch in an sich nahe stehenden Kreisen für konservativer als wir sind, und so seien an dieser Stelle diejenige der sehr verehrten Leserinnen und Leser, die auch körperlich zu meinen Gästen zählen, gebeten, sich künftig etwas Neues zu überlegen, denn der Unterhaltungswert Siedlers generell, wie speziell dieses ersten Teiles seiner Autobiographie ist diesseits der Grenze, die die Apokalyptiker des Bürgertums vom Rest der Welt trennt, vorhanden, aber durchaus begrenzt.

An Siedlers Leben selbst liegt dieses Missbehagen dabei nicht. Der 1926 in Berlin geborene Verleger blickt auf ein vom Reichtum wie von den Katastrophen des 20. Jahrhunderts zerklüftetes Leben zurück. Im Westberliner Bezirk Dahlem geboren, war Siedler einige Jahre Schüler einer der bis heute gut beleumdeten Hermann-Lietz-Schulen, wurde wegen kritischer Äußerungen über Hitler und die Erfolgsaussichten des Krieges gemeinsam mit einem der Söhne Ernst Jüngers inhaftiert, verurteilt und kam sodann an die italienische Front. Nach einigen Jahren der Kriegsgefangenschaft in Afrika gelangte Siedler zurück in das zerstörte Berlin. Hier endet der erste Band der Lebenserinnerungen; das Studium an der sich neu formierenden FU und der Aufstieg als Journalist und später als Verleger reißt Siedler nur an und erzählt diesen Abschnitt seines Lebens, wie es scheint, in einem oder mehreren weiteren Werke weiter.

Immer wieder ist das auch durchaus angenehm zu lesen. Die Haftzeit etwa als radikale Erfahrung von Kontrollverlust, die Gefühlsschwankungen, die feinen Abstufungen des Verhaltens der Wärter und Richtenden, ebenso wie alltägliche und anekdotische Beobachtungen im vorkrieglichen Berlin. Sobald sich Siedler aber von der Subjektivität des Erlebens löst, hinterlässt er den Leser halbwegs ratlos: Gern gesteht man Siedler Stolz auf seine teils illustren Vorfahren zu, zu denen an prominentester Stelle der Bildhauer Schadow gehört. Wer wäre man auch, es Siedler nicht durchgehen zu lassen, über seine Familie, deren Verbindungen und Herkommen mit einem gewissen Selbstbewusstsein zu berichten, das in mehr oder weniger expliziter Form jede Familie pflegen dürfte. Sich auf seine Familie etwas einzubilden, ist gerade dann verständlich, wenn diese Familie auch einiges zu bieten hat an Kaufhauskönigen und Generälen, Diplomaten und Professoren. Muss aber – so fragt man sich nach einer kleinen Weile – Siedler immerzu und alle paar Seiten von seiner Familie sprechen? Geht es auch etwas weniger lautstark? Anders als man in Kreisen konservativer Publizistik annimmt, halte ich Bescheidenheit nicht gerade für eine Tugend, die das Bürgertum vor anderen Teilen der Gesellschaft auszeichnet, das ganze 19. Jahrhundert ist, wie man sagt, nur durch bürgerliche Geltungssucht zu erklären, ich habe auch nichts gegen Repräsentation, aber über weite Teile des Buches überschreitet Siedler die Grenze zwischen berechtigtem Stolz und purer Eitelkeit doch etwas zu häufig, um noch Freude zu bereiten. Wir wissen’s, sagt sich der Leser seufzend und blättert halb konzentriert weiter.

Ähnlich steht es mit Siedlers Freunden und Bekannten. Streckenweise liest sich das Buch wie mancher Bericht der Klatschpresse über eine Premiere oder eine königliche Hochzeit als eine Aufzählung von Namen, Namen und wiederum Namen. Von Carl Schmitt über Dacia Maraini, von Thomas Mann, Heinrich Böll, Alexander Solschenizyn bis Hans Wallenberg und immer wieder Joachim Fest und taucht jeder auf, von dem man in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts sprach. Gesehen wurde auch …., denkt man sich, wartet auf eine prägnante Anekdote, etwas Charakteristisches, Interessantes, aber Siedler ist oft längst woanders. Ihm reicht wie manchem kleinen Mädchen am roten Teppich der Berlinale das Auftauchen der Berühmtheit. Dies ist einigermaßen sonderbar: Siedler ist schließlich nicht irgendwer. Dass der Verleger des Propyläen-Verlags, später des Siedler Verlags, ein Fixpunkt des insgesamt überschaubaren Kulturlebens der Bonner Republik, alles und jeden kannte, der eine Schreibmaschine zu bedienen wusste, erwartet man nicht anders. Die schiere Renommiersucht kann es damit eigentlich nicht sein, die Siedler zu diesen Aufzählungen treibt, allerdings ist ein anderer Antrieb vielfach schlechthin nicht erkennbar.

Die Zitiersucht dagegen sei Siedler nachgesehen. Es zeugt von einigem Selbstbewusstsein, um es vorsichtig auszudrücken, als ersten Satz seiner Erinnerungen zu Thomas Manns berühmter Eröffnung des Josephsromans zu greifen, doch mag es für einen Mann, der sein Leben zwischen Büchern verbracht hat, nur natürlich anmuten, entlang von Büchern zu erinnern und zu empfinden. Das Bewusstsein, als bürgerliches Fossil zwischen Plebejern zu wandeln, durchzieht die Autobiographie dabei indes nicht nur als ausdrückliche und stetig wiederholte, bisweilen durchaus ein wenig selbstgefällige Aussage. Man mag darüber streiten, ob diese Annahme überhaupt zutrifft, Siedler jedenfalls hat dieser Glaube an den abgesunkenen Bildungsstand seiner Leser zu einer etwas sonderbaren Vorgehensweise bewogen: Er erklärt annähernd jedes Zitat in der ängstlichen Annahme, der Leser könne vielleicht andernfalls annehmen, die Herzogin von Guermantes sei keine Schöpfung von Proust, sondern vielleicht von Courths-Mahler, und wenn er das berühmte Bild des nächtlichen Albs heraufbeschwört, vergisst er nicht hinzuzufügen, jenes sei von Füssli.

Auf den letzten Seiten wird Siedler kokett. Er werde sich hüten, schließt er, das Buch mit einem Finis zu beenden, erst recht aber schließe er nicht mit Fortsetzung folgt, und man klappt das mit einer Abbildung des Autors in jungen Jahren geschmückte Geschenk zum vorletzten Geburtstag kopfschüttelnd zu. Ich habe die Fortsetzung nicht gelesen. Mir schwant, ich habe nichts verpasst.

Strahlende Maikäfer, rosenfingrige Götter

24. June 2010 | von Modeste

Kaspar Schnetzler, Das Gute

29957Die Schweiz, hört man immer wieder, sei lange nicht so langweilig, wie man landläufig glaubt. Wieso dem so sein sollte, habe ich allerdings vergessen, und wenn die Schweiz in den hundert Jahren von 1912 bis 2012, die dieser Roman des zu Recht ziemlich unbekannten Kaspar Schnetzler, eines 1942 geborenen Züricher Rentners, umfasst, auch nur annähernd zutreffend abgebildet sein sollte, hat auch in dieser Frage der Volksmund recht: Dieses Buch ist langweilig. Es ist aber nicht nur fade. Es ist auch unfassbar schlecht.

Gegenstand der selbst in der Taschenbuchausgabe 552 Seiten fetten Chronik der Züricher Familien Gerber und Frauenlob sind vier Generationen, die nicht unähnlich der Vorgehensweise in didaktisch sehr bemühten Kinderbüchern alles erleben, was der Autor für charakteristisch für die jeweiige Epoche in der Schweiz hält: Die Begeisterung für den deutschen Kaiser. Der Schweizer Nationalstolz und die besondere Beziehung zu den Schweizer Selbstverteidigungsorganen. Die Spanische Grippe. Ein gewisses Sektierertum in Freikirchen (hier der Christian Science), der soziale, wenn auch überschaubare Aufstieg aus dem Kleinbürgertum und die Auswanderung einzelner Familienteile in die USA und Deutschland. Irgendwann wird auch ein Familienmitglied in politische Unruhen verwickelt, verfällt den Drogen, man wird wunderlich, gebiert und stirbt, und ja: Das ist exakt so frei von jeglicher Überraschung, wie es sich anhört.

Was aber das Urteil eines Herrn Jürg Altwegg in der FAZ – derzufolge hier ein Meisterwerk auf geneigte Entdecker wartet – besonders unverständlich macht, sind die vielfachen, teils nur schwer erträglichen sprachlichen Schnitzer. Aufgeschlagen an beliebiger Stelle heißt es beispielsweise zu den Erlebnissen eines Familienmitglieds in Wien:

“Und wie war Max dem Charme und Anblick der feschen Führerin erlegen, die er jetzt, zwei Wochen nach dem Museumsbesuch, saisongerecht wie ein Maikäfer strahlend, an der Hand durch die zartgrünen Weinberge des Kahlenbergs hinab nach Grinzing zum Heurigen führte -”

Der strahlende Maikäfer aber steht nicht allein. Eine Generation früher verlassen zwei Freunde, künftige Schwager, Zürich, die Schnetzler charakterisiert:

“Er liebte das Leben und dessen Unwägbarkeit, Geradlinigkeit war nicht seine Sache. Insofern war er das exakte Gegenteil von Walter Frauenlob, der das Leben sehr ernst nahm und dessen kulinarischem Anspruch Steaketfrites vollauf genügte, weil es ihm schmeckte.”

Die Gradlinigkeit der Freunde gebratenen Fleisches ist ohnehin sozusagen ein geschätztes Erbstück der Familie, von der es heißt:

“Böse Absicht war es nicht, das war eine in der Familie Frauenlob unbekannte Regung.”

Entsprechend gerät Max, der als nicht mehr strahlender Maikäfer nach seinen Studien aus Wien nach Zürich heimkehrt, als ein unschuldiger Tor in die politischen Wirren der späten Sechziger und

“konnte sehen, wie sich die Virtuosen am Megaphon in die Startposition für ihre ganz private Politkarriere schoben, indem sie die Masse mit Gutmensch-Parolen – wer wollte gegenwärtig nicht ein Gutmensch sein – für sich vereinnahmten, um dafür einmal ihre Stimme zu erhalten, wenn sich die Revolution in parteipolitischen Bahnen verlaufen haben würde.”

Verführt von solcherlei schlechten Menschen, stirbt Max folgerichtig einige hundert Seiten auf der Straße. Seine Schwester Regula wird dagegen alt und wunderlich und stirbt an Diabetes, und nur der erstgeborene Bruder Felix bringt es nach einer Journalistenkarriere zu einem glücklichen Leben als Hopfenbauer in Bayern. Seine Tochter Johanna erzählt die letzten Seiten.

Wer aber bis hierhin gekommen ist, wer – unglaublich, aber wahr – in einem 2008 erschienen Buch in offenkundig ernsthaftem Gestus die Worte lesen darf

“Eos, die rosenfingrige Göttin, hatte den Nebel gelichtet”

hat einen Fehler begangen: Nehmen Sie Abstand vom Kauf. Wenn Sie das Buch schon erworben haben, werfen Sie es weg. Und wenn Sie Herrn Schnetzler irgendwo treffen, geben Sie ihm Geld, damit er aufhört zu schreiben. Bei manchen Straßenmusikanten hilft das ja auch.

Deutschlandbecher

21. May 2010 | von Modeste

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Diesen Text widme ich meinem lieben J.

Für den Grill Royal sprechen insbesondere seine Gegner. Mit einer Versammlung all derjenigen, die das Essen als mittelmäßig, die Gäste als unelegant, das Interieur als abgeschabt und die Tische als zu eng gestellt tadeln, möchte man einen Abend aus verschiedenen Gründen durchaus weniger gern verleben als mit den Menschen, die ganz gern an der Weidendammbrücke essen, obwohl – aber kommt es darauf an? – der größere Teil der Kritik als eigentlich schon eher ziemlich berechtigt gelten muss. Der Service etwa ist immer charmant, aber nur, wenn man Glück hat, professionell. Teuer, zumindest für die insgesamt noch immer bescheidenen Berliner Verhältnisse, ist der Grill auch, und ein nicht ganz unerheblicher Teil der servierten Speisen ist mit der Bestellung ab und zu nicht oder nur teilweise identisch. Auch die Steaks, dies sie hinzugefügt, sind im Filetstück besser.

Der J. liebt den Grill trotzdem. Im Grill ist er glücklich. Der J. mag die roten Lampen, die sofahaft weichen Bänke und die offenen, flämisch anmutenden Kühlschränke mit dem hängenden, nein: prangenden Fleisch. Der J. mag das Holzboot an der Stirnseite des Raums, die Raucherlounge mit den Photos sehr schöner Frauen, die Frauen im Grill generell, diesen bisweilen schon ganz leicht herbstlich verschatteten Typus wie aus französischen Filmen mit Romy Schneider oder Catherine Deneuve und die ganz jungen, vor Vitalität berstenden Mädchen, die Champagner bestellen, weil sie von Wein nichts verstehen. Außerdem liebt der J. Fleisch. 300 Gramm Filet also für den J., Rosmarinkartoffeln, Bohnen, den Grill Royal Salat vorweg und für mich 180 Gramm Filet Tagliata. Ein Cygnus. Ein Drink an der Bar vorweg, denn unser Tisch ist noch nicht frei.

Der Grill ist voll. An dem Tisch, der unser Tisch werden wird, gestikuliert eine spanisch oder italienisch wirkende Frau um die vierzig in einem geschlitzten, weißen Top mit Fledermausärmeln. Neben uns an der Bar steht eine sehr, sehr schöne Russin oder Ukrainerin und bestellt einen Wodka Sour. Genießerisch, versonnend lächelnd lässt der J. seinen Blick durch den Raum schweifen, betrachtet (wie man annehmen muss) die anwesenden Frauen, begutachtet ihre Kleider und ihren Schmuck und dann dreht er sich nach dem Barkeeper um: Ein Dry Martini. Anschließend fällt sein Blick auf die Theke. Der J. runzelt die Stirn. Stucki, Uslar, Fetisch, steht auf einem in das Holz eingelassenen Messingschild. Der J. schaut ungehalten.

“Der Idiot”, röchelt der J. und verzieht das Gesicht. Ich rechne. Zehn Jahre oder mehr liegen zwischen einem Abend im Hannoveraner Schauspielhaus, dem der J. als gebürtiger und selbstbewusster Niedersachse oblag, und dem heutigen Abend, doch frisch, besorgniserregend frisch geradezu, hat sich das Missfallen des J. konserviert, der gegen den ihm bis zu diesem Abend unbekannten Moritz von Uslar damals eine heftige Abneigung gefasst hat. Ich kann mich an von Uslar kaum erinnern.

Die Bücher von Stuckrad-Barres dagegen hat der J. gern gelesen. Soloalbum, damals vor hundert Jahren, auch gern und vielfach verschenkt, die nächsten Bücher immerhin noch halb zerstreut am Strand durchblättert, und auf Anfrage stets als “ganz gut” markiert, was auf der Skala niedersächsischer Lobreden schon recht hoch zu veranschlagen ist. Die Niedersachsen loben nämlich nicht so gern. “Hat der nicht ein neues Buch …?”, überlege ich laut vor mich hin, und dann kommt der Kellner. Der Tisch ist jetzt frei. Ganz schnell (ich bin hungrig) esse ich ungefähr zwei, drei Scheiben Brot mit ziemlich viel Öl und sehe den Salzschuppen dabei zu, wie sie gemächlich im Öl zergehen.

Irgendwann kommt dann auch Essen. Wir sprechen über gemeinsame Bekannte, über ein sehr schönes Bild, das wir gern hätten und das “Nordwand” heißt, über Leute, die in Townhouses ziehen, und über Katzen. Über Bücher sprechen wir auch. Ob von Helmut Krausser noch einmal etwas Großes kommt, etwas Wuchtiges, Schwarzes, blutig wie ein englisches Steak und ungeschlacht wie Gesänge aus anderen Zeiten. Ob man gegen Elke Heidenreich nicht etwas Wirksames unternehmen kann, ob es Daniel Kehlmann gut täte, sich unsterblich, aber unglücklich zu verlieben, dass wir beide das Buch von dieser Frau Schmidt nicht gelesen haben über eine Rekonvaleszentin, das letztes Jahr den Buchpreis gewonnen hat, weil wir nur noch Bücher von schönen Menschen lesen möchten, denn das Leben ist kurz.

So ein Steak ist dann eigentlich schnell gegessen. Man trägt ab. Ich werde leider voraussichtlich noch dieses Jahr platzen, der J. aber kann sich das Nachtischessen noch leisten. Crème Brûlée soll es sein, murmelt der geschätzte Gefährte, vielleicht auch die Schokoladenvariation, genau weiß man das noch nicht, und ordert doch noch einmal in der Karte. “Deutschlandbecher.”, sagt der J. auf einmal und schaut mich traurig an. Ich nehme ihm die Karte aus der Hand. Für € 20 erhält man einen Eisbecher und das neue Buch von Benjamin v. Stuckrad Barre, das Texte enthält, die mit “Zeitgeistreportage” nicht ganz zutreffend umschrieben sind.

Literarisch sind diese Texte schon, nimmt man alles in allem, fiktional dagegen sicherlich nicht, Miniaturen der Gegenwart, sehr genaue, sehr gut ausgeleuchtete Beobachtungen von jemandem, der das Auge hat, dies alles zu sehen, und dem die Worte gehorchen, die Welt zu beschreiben. Wie ein Reisender beschreibt Stuckrad-Barre in den besseren seiner Texte die Gesellschaft, mit der sich auch das Fernsehen beschäftigen mag oder die Gala, und bisweilen gewinnen seine Sujets dabei einen sonderbaren, surrealen Reiz. Noch interessanter, dies aber mag individuellen Spleens geschuldet sein, wäre sicherlich die Lektüre, würde sich Stuckrad-Barre mit einem Ausschnitt der Gesellschaft beschäftigen, der speziell vielleicht mein Interesse in höherem Maße erregen würde als der Vorsitzende der FDP Guido Westerwelle oder der Schauspieler Til Schweiger, aber langweilig, nicht lesenswert gar, ist diese Sammlung nicht. Zumindest aber ist es Stuckrad-Barre gelungen, den J. schnell und wirksam zu deprimieren.

“Dabei ist der jünger als ich.”, lächelte der J. nach ein paar dumpf verbrüteten Minuten des Vergleichs der eigenen, insgesamt überschaubaren Lebensleistung mit dem durch einen Nachtisch in seinem Lieblingsrestaurant gefeierten Autor tapfer vor sich hin und versucht, offenbar vergeblich, sich eigener, ebenso rauschender Erfolge zu erinnern.

(Dass aber dann nicht einmal das Buch vorrätig war, nahm der J. hin wie jeder gelernte Berliner die Unregelmäßigkeiten im Dienstleistungssektor dieser Stadt aushält. Dass das Buch signiert doch eintraf, fast zwei Wochen später per Post, erfreute den J. als eine unerwartete, glückliche Fügung des Lebens, und dass der Deutschlandbecher sehr banal aus drei Eissorten bestand, die in einer Art Stielglas aufeinander geschichtet serviert wurden, war dem J. nicht einmal einen Kommentar wert, denn unabhängig vom Essen eigentlich ist der J. im Grill glücklich, und was der Grill serviert, ist dem J. recht.)

Das Buch, lässt der J. ausrichten, habe ihm gefallen.

(Benjamin v. Stuckrad-Barre, Auch Deutsche unter den Opfern)

Von der Liebe im Sterben

2. May 2010 | von Modeste

Feridun Zaimoglu, Liebesbrand

IMG_0055Die Liebe kommt über Zaimoglus Helden David wie ein Hieb: Verletzt liegt der deutschtürkische ehemalige Banker aus Kiel nach einem Busunglück in der Türkei auf der Straße, als eine junge, schöne Frau mit einem auffälligen Ring erste Hilfe leistet und ihn tränkt. David verliebt sich nicht: David fällt in Liebe.

Mit nichts als dem Ortskennzeichen ihres Wagens und der Erinnerung an ihr Schmuckstück fährt er – nach einigen Tagen im Krankenhaus zurückgekehrt nach Deutschland – erst nach Nienburg, wo sie wohnt, um sie dann quer durch die geschichtengetränkte Mitte Europas, Prag und Wien, zu verfolgen. Tyra aber – so heißt die fremde Frau – bleibt David gleichgültig. Mehr als eine Nacht wird David von Tyra nicht erhalten, und in ihrer sonderbar somnambulen Kühle spürt man eine Irritation, etwas Lebloses vielleicht, und selbst ihrer Bekehrung zum Katholizismus haftet etwas Verneinendes, Lebensfeindliches an. Fast bedauert man David für seine so spröde Wahl, wenn es denn eine Wahl wäre und nicht vielmehr Schicksal und Verhängnis. Für die wärmere Zuneigung der Pragerin Jarmila bleibt David unerreichbar.

Zwischen David und Tyra geht es nicht um die Liebe, die mit Glück in einem Haus am See mit Rosen im Garten endet. Zaimoglu erzählt keine Geschichte von Freundlichkeit und Helle, und die märchen-, nein, legendenhaften Einschübe, die Monstren und Sonderlinge, die Davids Weg kreuzen, sind interessant, aber nicht liebenswürdig. Es ist hier die Rede von der schwarzen, der harten und spiegelnden Seite der Liebe, deren Pfade alle in den Hades führen, so dass die ersten Worte dieses Romans wohl in einem tieferen Sinne von Wahrheit künden, wenn es heißt:

„Es wurde dunkel, es wurde hell, dann aber starb ich.“

Es stirbt sich alles in allem recht gut in diesen Zeilen.

Der schale Lauf der Dinge

18. April 2010 | von Modeste

Georg M. Oswald, Vom Geist der Gesetze, 2007

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Vor einem runden Dutzend Jahre saß ich – ein wenig gelangweilt, nehme ich an – in einem fensterlosen Hörsaal, und einige Meter vor mir lief ein älterer Herr in beuteligen Hosen hin und her und sprach über das Strafrecht, genauer gesagt: über die soziologische Komponente des Strafens und Bestraftwerdens. Was er ganz genau sagte, habe ich vergessen, aber sinngemäß und sehr ungefähr entnahm ich seinen Worten, dass wir alle Sünder seien, und die Armen, die Ungebildeten und die Ausländer säßen nur deswegen mehr im Gefängnis als andere Leute, weil sie weder am Erlass der Gesetze noch an deren Vollzug beteiligt seien.

Soweit ich mich erinnere, reagierte das Auditorium ungefähr so stumpf, wie es halt zu gehen pflegt, wenn jemand Dinge erzählt, die jeder weiß, und die Empörung des schon damals grauhaarigen Dozenten verpuffte ebenso wirkungslos in der abgestandenen Luft des Juridicums wie – zumindest nehme ich das an – sein Appell, sich stets daran zu erinnern, dass Juristen oft nicht Gerechtigkeit exekutieren, sondern die Summe der Vorurteile der herrschenden gesellschaftlichen Gruppen.

Ein paar Jahre später, ich hatte die Uni inzwischen verlassen, wurde mit diesem Dozenten eine ganze Generation emeritiert, deren stets reizbare Empörbarkeit meistens berechtigt gewesen sein mag, um sich trotzdem bisweilen schmerzhaft lächerlich zu äußern, und dass der Roman des Münchners Georg M. Oswald rein thematisch zumindest einen Hund wie mich nicht hinter dem Ofen hervorzulocken vermag, wird wohl auch damit zu tun haben, dass die Ungerechtigkeit auch in meinen Augen ein Übel darstellt, keine Frage, allerdings ein Übel, über das ich mich eher etwas seltener errege, und das öffentlich auszustellen jedenfalls kein Zweck ist, der das Mittel eines ansonsten eher etwas faden Buches zu heiligen vermag. Die Dinge – und die Anfechtbarkeit dieses Gleichmuts ist mir bewusst – sind, wie sie sind. In Oswalds Buch sind sie also folgendermaßen:

Ein junger Mann mit problematischem Elternhaus und schlechten Examen bekommt, wie es halt so zu gehen pflegt, wegen der Beziehungen seines Onkels einen guten Job bei einem renommierten, eitlen, alten Strafverteidiger. Ein Politiker von durchaus mittelmäßigen Gaben möchte hoch hinaus, fährt in einem nicht namentlich genannten, aber recht gut erkennbaren München einen erfolglosen Drehbuchautor an und befiehlt seinem Fahrer, sodann dem Opfer Geld zuzustecken, damit nichts aufkommt, und sich dann als Täter verurteilen zu lassen, damit des Politikers Weste weiß bleibt. Der eitle, alte Strafverteidiger soll den Fahrer verteidigen.

Kompliziert wird es, als der Fahrer in der mündlichen Verhandlung nicht mitspielt. Ein eifriger, wenn auch schon etwas resignierter Staatsanwalt nutzt diese Chance, dem Politiker am Zeug zu flicken, der alte Anwalt schläft mit der Freundin des Anfängers, den sich wiederum die junge Frau des Alten nimmt, es tauchen viele, viele politische und private Affären und –affärchen auf und dienen dem weiteren Fortgang der Handlung als manchmal etwas sehr zurechtgebaute Treppen und Flure zwischen den einzelnen Akten der Handlung, und dass am Ende nicht das Gute – wer auch immer das sein mag – gewinnt, weiß man auf den ersten Seiten des Buches, denn andernfalls ginge die Absicht Oswalds nicht auf, mit den Mitteln des satirischen Romans die Verdorbenheit der deutschen Gesellschaft zu demonstrieren. Ein bisschen vorhersehbar ist das alles, und ein wenig bieder dazu. Man gähnt. Ich habe zwischendurch mehrmals um ein Haar nicht weitergelesen:

Zunächst ist die Handlung nicht so besonders originell. Zugegeben, es gibt kaum etwas, das moralische Verkommenheit plakativer demonstriert als der Versuch, die Justiz zu manipulieren, aber ein Autounfall als Auslöser des Zusammenpralls sehr verschiedener Milieus in einem urbanen Biotop ist seit Tom Wolfe sicher nur noch mit Vorsicht zu aufzugreifen. Dass die angeblichen Verflechtungen zwischen den Personen über das selbst im eng vermaschten Hauptstadtbetrieb bekannte Maß doch einigermaßen deutlich hinausgehen, mag als satirische Überzeichnung noch angehen, doch das die Personen das Klischee kaum jemals überragen, verzeiht man dann auch einem flüssig und bisweilen amüsant erzählten Roman nicht. Oswald, so gewinnt man den Eindruck, interessiert sich für die einzelnen Protagonisten seines Buches kaum, die damit mehr als Prototypen denn als Individuen durch die Handlung spazieren. Entsprechend fällt es auch dem Leser nicht ganz leicht, sich für diese Leute zu interessieren. Dass der Roman sprachlich nicht so besonders ausgefeilt ist, mag dagegen auch dem Genre geschuldet sein.

Da hilft es dann auch am Ende nicht viel, dass die (sicher nicht selten zutreffenden) Klischees rund und ordentlich bedient werden. Die Personen sprechen meistens miteinander, wie echte Menschen es zu tun pflegen, und der Roman spielt – was ich meistens und auch hier sehr schätze – nicht im Niemandsland des Innenlebens irgendwelcher Freaks, sondern im realen Raum von Familien, Parteien, Berufen, Strafgerichten, Hotels, Büros und Vinotheken. Vielleicht muss das reichen. Es ist selten genug, aber ein gutes Buch, ein gutes Buch hat Georg M. Oswald nicht geschrieben.

Die kleine Schwester der großen Liebe

9. March 2010 | von Modeste

IMG_0019Irinas Buch der leichtfertigen Liebe, Tim Krohn

Manchmal sitzt man mit Freunden an einem Tisch irgendwo und spricht über die Liebe wie über eine ernsthafte Krankheit mit mal mehr, mal weniger schwerem Verlauf. Wie ein siamesischer Zwilling hängt an solchen Tagen an der Liebe das Problem, alles erscheint unglaublich problematisch, so schwer wie ein Wackerstein und so dunkel wie Schwarzbrot. Manchmal aber, seltener, wirft die Liebe alles ab, was muffig ist, tanzt in Chiffon und mit losen Locken barfuß über grünen Rasen, und verstrickt alles, was ihr in die Quere kommt, mit leichten Girlanden aus Rosen, grünen Blättern und Duft. In diesen Momenten wird es dann richtig gefährlich.

Einen Anstoß braucht es dazu kaum. Bisweilen reicht – wie in diesem charmanten Buch des mir bisher völlig unbekannten Herrn Krohn – eine falsche Faxnummer, und die Verhältnisse beginnen zu schwingen. Aus einem russischen Ehepaar in Paris, einer alten Freundin, deren Assistenzarzt, einem kleinen Kind (und einem zweiten noch viel kleineren) und einer ehemaligen Geliebten aus Schweden wird ein luftiges Ballett aus Sommer und begehrten, begehrlichen Körpern. Nichts sieht ernsthaft aus,  alles zeigt sich auf einmal von ganz anderer, appetitlicher, duftender Seite, und vor den Kulissen von Moskau und Paris und einem Seebad am Atlantik zieht der Erzähler eine kleine Geschichte auf, die so luftig erscheint wie ein Baiser. Als sei dies noch nicht genug des Unernstes, der lachend-augenzwinkernden Plauderei, bindet Krohn sein Romanpersonal in eine Rahmenhandlung ein, die wiederum eine Liebesgeschichte erzählt, mit Irina nämlich, der über die 170 schnell gelesenen Seiten die Liebe ausgemalt wird, wie wir alle sie uns bisweilen wünschen: Als ein lachender, tanzender Puck, des großen Pan kleine, spitzohrige Schwester, der man sogar ein paar sprachliche Schwächen und handfeste Klischees verzeiht wie einem hübschen Kinde Sommersprossen oder ein ganz, ganz leichtes, reizendes Lispeln.

Vergiftet mit ihren Tränen

16. January 2010 | von Modeste

Eduard von Keyserling, Dumala, (1908)

Einsam ist man in den Weiten des Ostens, in dem das alte, feudale Europa müde in verblassten Tapisserien friert, kraftlos wie der gelähmte Baron Werland in seinem Schloss Dumala, in dem ganze Flügel leer stehen, und die Mäuse hinter der Wand dem Ende dieser Welt entgegen nagen. Mit dem Baron friert seine schöne Frau Karola, sitzt des Abends neben ihm am Feuteuil und streichelt des Barons schmerzende Beine. Langsam, quälend langsam vergeht die Zeit. Nichts dringt von außen in diese abgeschiedene Welt, die Moderne ist woanders, die weit, weit weg aufbricht, wenige Jahren und einen ersten Weltkrieg später diese mürbe Welt zu begraben.

Die unerfüllte Sinnlichkeit der Baronin stellt Keyerlingk fast greifbar in den Raum. Wie sich die farbigen Flecken der Impressionisten verbinden zu einer Vision von Duft und Wärme sehen wir der Baronin Werland zu, wie sie ein wenig, kaum spürbar, aber gerade genug für diese arme Seele mit dem Sekretär Pichwitt kokettiert und den Pastor des Ortes, Erwin Werner, aus den Selbstverständlichkeiten seines Lebens, seinem kleinen, wohlgeordneten Glück, herauswickelt, allein mit Worten, Gesten, ohne dass irgendetwas zwischen beiden geschieht. Für diese Frau wird Werner um ein Haar morden.

Lange, lange aber geschieht nicht viel. Der Pastor Werner entgleitet langsam seiner Frau, seinem Amt und sich selbst, und aus der Mitte seiner Seele schält sich eine Vitalität heraus, die der Liebe täuschend ähnlich sieht, und doch zeigt uns Keyserling nur ihre enge, kleinliche, verknotete Seite, und wir verachten den Pastor ein wenig für die fast scheinheilige Beschränkung seiner selbst. Niemals griffe er über die Grenzen der konzentrischen Kreise dieser fest gefügten Gesellschaft hinaus, und niemals erwiderte die Baronin diesen Griff. Der alte Baron wird diese Wahrheit aussprechen, an die in diesem ostpreußischen oder baltischen  Dorfe noch jeder glaubt.

Gerade, rein und hart kann Werner daher nur hassen, und so hasst er, als ein adeliger Liebhaber sich die Baronin nimmt, hasst ebenso wie der Sekretär, aber weil er stärker und aktiver ist als jener, stellt er dem anderen eine Falle auf Leben und Tod, und schreckt erst im letzten Moment zurück. Am Ende wird er im Wirtshaus sitzen mit dem Liebhaber, beide wissen beim Sekt um den beinahe vollzogenen Mord, aber für die Konsequenzen einer so ungeheuerlichen Eröffnung reicht keines Kontrahenten Vitalität noch aus, und so bleibt es bei einem leisen, höflichen, unendlich verächtlichen Händedruck.

Eines Tages aber geht die Baronin mit dem anderen auf und davon. Der alte Baron  stirbt wohlfrisiert bis zum Tode, und als zur Beerdigung die Baronin Karola zurückkommt, um allein, nach nur angedeutet unglücklichem Verlauf der Affäre, im Schloss ganz für sich zu Ende zu leben, verlassen wir den Pastor Werner im tiefen Winter, wie er am Schlosse in weitem Abstand vorbeifährt,  die Baronin grüßt, und sehen ihm nach auf dem Heimweg ins Pfarrhaus, reiben uns die vor Kälte dieses unendlich traurigem Kammerspiels schmerzenden Hände, reißen uns aus der perfekten Illusion einer perfekt komponierten, überaus feingezeichneten Welt und beneiden diesen fallenden, schwächlichen Adel ein wenig um die Güte und die Meisterschaft, die Nachsicht und die streichelnde Freundlichkeit, mit der Keyserling jene zeichnet, und die niemand später einmal aufbringen wird für unser Ende und das unserer Welt.

Fast bis auf den Mir Samir

2. January 2010 | von Modeste

Eric Newby, Ein Spaziergang im Hindukusch

Zu den charmanten Seiten von Engländern gehört der Sinn für nutzlose Dinge und Tätigkeiten. Wo die Deutschen, hat man den Eindruck, vom Reisen eine Art Ertrag erwarten, in Form von Bildung beispielsweise, in Bräune oder aber in der schwer fassbaren Münze der Spiritualität, reicht es den Briten (zumindest ihrem schreibenden Teil) offenbar, unterwegs gewesen zu sein, dort Erfahrungen gemacht zu haben, die ihnen daheim entgangen wären, und auf diesem Unterschied, nehme ich an, beruht der immense Qualitätsvorsprung der englischsprachigen Reiseliteratur vor der deutschen. Zwar gibt es auch in deutscher Sprache angenehme Ausnahmen. So hoch allerdings wie die zu recht sehr berühmte Schilderung einer Reise durch den Hindukusch von Eric Newby ragen aber auch die deutschen Spitzen selten, und dass ich nicht auf der Stelle aufgebrochen bin, gleichfalls ohne jede Kenntnis des Bergsteigens in Zentralasien den Mir Samir, einen sechstausend Meter hohen Berg, zu erklimmen, lag einzig an der derzeit etwas unruhigen Lage vor Ort und an meinem Job.

Indes ist die politische Lage in Afghanistan offenbar schon immer etwas prekärer, und auch Newby war vor seiner 1956 keineswegs berufslos. Das Telegramm an seinen Mitreisenden Hugh Carless mit dem Wortlaut „CAN YOU TRAVEL NURISTAN JUNE“ beendete vielmehr eine zehnjährige Karriere in einem Londoner Modesalon, in dem Newby als eine Art Werbefachmann tätig war, und man würde wünschen, mehr von dieser sehr, sehr amüsanten Welt zu hören, wenn nicht die anschließenden Schilderungen eines kurzen Trainings der Kunst des Bergsteigens in Wales (!) und die sodann erfolgte Abreise über Istanbul Richtung Afghanistan nicht noch kurzweiliger wäre.

Natürlich klappt nichts. Schon auf der Hinfahrt wird ein Beduine überfahren. Das Wasser ist verkeimt. Das Essen schlecht. Newby und Carless haben die ganze Zeit Durchfall, und mangels Alternativen liest Newby immer wieder “Der Hund von Baskerville”. Es ist zudem wahnsinnig kalt, die Schuhe der Reisenden erweisen sich als ziemlich ungeeignet für die extremen Gegebenheiten vor Ort, und die Bewohner des Hindukusch lieben, schildert Newby, Reisende nicht. Nicht einmal die angeheuerten Führer machen einen auch nur halbwegs vertrauenswürdigen Eindruck, und dass die beiden Reisenden heil aus dem Land wieder herausgekommen sind, wirkt eher wie ein Zufall. Dabei gibt es durchaus Abstufungen des Unangenehmen zwischen den Angehörigen verschiedener Stämme vor Ort, die teilweise schon immer sehr, teilweise aber erst seit einer Generation ein bisschen muslimisch sind, aber zumindest latent gewalttätig wirken fast alle.

Einige Exkurse über die Geschichte des Landes, die verschiedenen Stämme und Sprachen sind, wenn auch weniger raumgreifend, der Vorgehensweise des ohnehin stets sehr präsenten Robert Byron ähnlich, nicht ungeschickt eingeflochten. Kaum jemals doziert Newby, stets kehrt er nach kurzen Schleifen zurück zur Reisegruppe, die eine beachtliche Strecke durchquert, wie die eingeheftete Karte ausweist. Menschen, die sich mehr als ich für die Natur in exotischen Ländern interessieren, kommen vermutlich auch auf ihre Kosten, und dass die Besteigung des Mir Samir einige hundert Meter unter dem Gipfel scheitert, bildet eine reizende Arabeske der Sinnlosigkeit, die Newby indes kaum zu erstaunen und auch nicht besonders zu enttäuschen scheint.

Zu guter Letzt: Die deutsche Übersetzung von Matthias Fienbork ist gelungen. Der Umschlag der “Anderen Bibliothek” dagegen außerordentlich lieblos und scheußlich.

Der Dunst von Indochina

14. December 2009 | von Modeste

Diese Ungeheuerlichkeit, ein Land nicht einfach zu kaufen, sondern sich zu nehmen, gleichsam aufzuessen und als eigenes Fleisch am eigenen Körper zu tragen. Kleine Beamte aus der Provinz zu Herrschern zu machen, und mit ihnen Frauen zu senden, mit den Frauen Kinder, mit den Kindern Lehrer und all das, was man vermisst, wenn man am Ende der Welt in einem viel zu großen Haus ein viel zu fremdes Land regiert.

Das Land aber lässt sich nicht verdauen, und so wird Indochina nicht ein fernes, wärmeres Frankreich, sondern etwas ganz, ganz anderes, und im Dunst über dem Mekong, in den geschäftigen, schmutzigen Straßen Saigons entsteht eine eigene, unendlich flirrende Welt, über die man uns Schlechtes erzählt, und die wir uns doch schön vorstellen, träge und elegant: Staubige Straßen, Reisfelder, Bambus, Seide und lächelnde Diener. Die Schmerzen sehen wir nicht.

Die Liebe aber bleibt sichtbar. Vielleicht gerade, weil es eine kühle, ihrer selbst kaum bewusste Liebe ist, die die alte Marguerite Duras beschreibt, denn sie, die fünfzehnjährige Tochter der verwitweten Schulleiterin von Sadec ist keine Romantikerin, und was sie mit dem viel älteren, reichen Chinesen verbindet, ist mit S*x zwar nur ungenügend beschrieben, aber Liebe, Liebe in des Wortes reiner Bedeutung ist es nicht. Ein reines Utilitätsverhältnis aber mag man die Liaison auch wiederum nicht nennen, denn mehr als Geld und Lust und Hunger nach dem, was man so Leben nennt mit 15, liegt in der warmen, feuchten Luft dieses Romans, der 1984 erschienen ist, aber in den späten Dreißigern spielt, als die Herrschaft Frankreichs über diesen Teil der Welt schon müde geworden ist, und die Risse im Gebälk tief und sichtbar.

Dass es der Duras gelingt, eine Liebesgeschichte zu schreiben, deren männlicher Protagonist nicht begehrenswert erscheint, ein kraftloser, nicht einmal schöner Sohn, ist eine Kunst und zwar keine geringe. Ganz allein um das Mädchen kreist die Erzählung, die wie zum Hohn “Der Liebhaber” heißt, als ginge es nicht allein um die Seele des Mädchens, die sich seiner schwächlichen Liebe nicht ergibt: Wie ein Baum einen prächtigen Parasiten tragen kann, eine blühende, tödliche Orchidee, die schillert und wuchert und ihm den Lebenssaft nimmt, so trägt der chinesische Bankierssohn die Liebe und das Begehren des Mädchens auf seinem schmächtigen Körper, und bisweilen erinnert – bei allen Wüsten der literarischen Distanz – dieser Bericht über Leidenschaft und Kälte der eigene Seele an Stendhal, und wie bei jenem liegt unter der gläsernen Klarheit des Wissens um die Regungen des eigenen Ich eine zweite, feine, silbrige Membran, in der sich eine zweite, schwärzere Geschichte spiegelt, die die Duras nicht aufschreibt, und die sich doch erzählt.

Der Stil freilich hält auch mit geringeren Konkurrenten nicht Schritt. Assoziativ malt die Duras Pinselstriche, Tuschezeichen, ein paar Sätze lang und bisweilen rankend ins Entlegene. Ein längeres Buch hätte an diesem Makel gelitten, doch wenn der Chinese lange Jahre später am Telephon über seine Liebe spricht, sind noch keine 200 spärlich bedruckte Seiten vorbei, und wir verlassen Madame Duras mit dem verlegenen Lächeln der Ertappten, auch wenn wir kaum wissen, warum.

Marguerite Duras
Der Liebhaber
1984

Die Liebe, die passiert

3. October 2009 | von Modeste

Ernö Szep, Die Liebe am Nachmittag

Man kennt solche Männer: Mit zwanzig sind sie unwiderstehlich (oder fühlen sich zumindest so), und was auch immer sie tun, man nimmt es ihnen nicht übel. Mit dreißig dann haben sie alles gesehen und fast alles getan, und wenn man sie mit vierzig irgendwo trifft, umweht sie eine leise Müdigkeit, ein Hauch von Ennui, eine Langeweile, die der Ahnung entspringt, dass der Kelch des Lebens von ihnen so hastig herabgestürzt wurde, dass jeder neue Wein nur schmecken kann wie längst bekannte Getränke.

Meist ist gut auszukommen mit diesen Veteranen der Nacht. Anders als manch anderer wissen sie, nichts verpasst zu haben, und dass ihnen statt einer Karriere nur viele Erinnerungen bleiben, ist den meisten kein Quell der Verbitterung, sondern ein schieres Faktum. Ein Preis, den man bezahlt. Ein bisschen staunen solche Männer manchmal, wie vollständig das Leben anderer erscheint, aber selten spürt man – trifft man sie an irgendeiner Bar, auf einem Fest morgens um vier in der Küche – Neid. Es scheint sich ausgegangen zu sein, dieses Leben, auch wenn es leicht wiegen mag gegenüber denen, die in diesen Jahren schwer beladen mit Verantwortung und Erfolgen im Wirtschaftsteil der Zeitung stehen.

Lieben aber möchte man solche Männer nicht. Nicht die schiere Zahl der Vorgängerinnen (ach, Arithmetik), die Gewöhnung vielmehr ist es, was einen zurückschrecken lässt. Nichts, meint man zu wissen, wird man den Erinnerungen und Erfahrungen solcher Männer hinzufügen können, und so nennt folgerichtig Ernö Szeps Held Mihaly seine verheiratete Geliebte nicht einmal mehr bei ihrem Namen, sondern nur bei ihrem Parfum. Cinq-Fleur.

Ein wenig zu routiniert, ein bisschen zu gleichgültig läuft diese Liebschaft durch die Seiten. Man trifft sich, man telefoniert. Man schätzt sich. Man liebt sich ganz ausgesprochen nicht. Ein bisschen erschreckend fährt diese Affäre auf allzu glatten Schienen, und am Ende – das sieht man voraus – werden sich Mihaly und Cinq-Fleur nicht trennen, sondern einfach nicht mehr sehen. Auf dem nächsten Empfang, der nächsten Premiere, werden sie sich dann zunicken, freundlich, kein Grund zu Groll, und dann ist es vorbei.

Auch Iboly wird nicht geliebt. Dass Iboly, Schauspielschülerin mit Anfang zwanzig, sich in Mihaly verliebt, weil er Dichter war und Stücke schreibt, weil er charmant ist und ihr zuhört, mag man verstehen, und ein bisschen sorgt man sich um das junge Mädchen. Noch fünf Jahre vor Beginn dieses Romans wäre Mihaly vielleicht der Grund für Tränen und Szenen und ließe sich für ein, zwei Wochen oder gar Monate hinreissen. Nun aber ist Mihaly 46, und sein Wunsch nach Ruhe überwiegt seinen Wunsch, neben einer jungen Frau zu erwachen. Als Iboly sich ihm anbietet, weicht er aus.

So gut wie nichts passiert also in diesem Roman, der erstmals 1935 in Ungarn erschienen ist. Nichts weiter, als dass ein kluger und müder Mann in einem versunkenen und doch seltsam zeitlosen Budapest altert, sich dem Alter noch ein wenig widersetzt, sein früheres Selbst gelegentlich in der offenen Hand wiegt und einen leisen Abschied feiert von sich selbst, seiner Vergangenheit und einer Zukunft, von der er weiß, dass sie nicht mehr stattfinden wird, denn irgendwann liegt alles hinter uns, was wir hätten werden können, und wenig später auch: Was wir geworden sind.