Archiv für die Rubrik ‘ab 2000’

Der Tod und das Mädchen*

3. July 2010 | von Kaltmamsell

Markus Zusak, The Book Thief

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Wenn ein Buch seit Jahren als Weltbestseller gelistet ist – braucht diese Welt dann überhaupt eine weitere Besprechung, noch dazu von einer gewöhnlichen Leserin? Sehr wahrscheinlich nicht. Aber, hey!, das hier ist Bloggen.

Eine Freundin des Mitbewohners hatte den Roman empfohlen: Ein australischer Autor schreibt eine Geschichte, die in den frühen 40ern im nahegelegenen Fürstenfeldbruck spielt – hörte sich attraktiv abgefahren an. Und stellte sich als ausgezeichnet gebaute und sehr gut erzählte Geschichte heraus.

Fürstenfeldbruck wird in The Book Thief zu Molching. In Deutschland scheint das bereits jeder zu wissen, ich nehme an, es steht auf der Übersetzung (die mich ohnehin sehr interessiert). Doch erst mal lernen wir im Prolog einen höchst auktorialen Ich-Erzähler kennen: den Tod. Er stellt sich vor, korrigiert ein paar Vorurteile über sich, gibt den scheinbar leichten und humorvollen Plauderton der Geschichte vor, und er führt ein typografisches Feature ein, dass sich durch das ganze Buch zieht: fett gedruckte, kurze erklärende Einschübe mit Überschrift, zum Beispiel

HERE IS A SMALL FACT
You are going to die

Sie werden später für Nebengedanken genutzt, Lexikonerklärungen, Fußnoten.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht – neben dem dem Tod – Liesel, die 1939 im Alter von neun Jahren von ihrer Mutter bei Pflegeeltern in Molching abgegeben wird. Sie ist ein verstörter und traumatisierter Mensch mit ungeheurer innerer Kraft. Der Roman erzählt ihre Geschichte hauptsächlich bis zu einer entsetzlichen Bombennacht 1943. Dabei lernen wir unter anderem ihre Arbeiter-Pflegeeltern kennen, die ruppige Rosa Hubermann und den sanften und zugewandten Maler Hans Hubermann, zudem den gleichaltrigen Nachbarsbuben Rudy Steiner, der auf den ersten Blick ihr bester und treuester Freund wird, den jungen jüdischen Mann Max, im Keller der Hubermanns versteckt, die eigenartig abwesende Frau des Bürgermeisters, die sich auf sehr besondere Weise Liesels Bücherhungers annimmt. Denn den hat Liesel, noch bevor sie richtig lesen kann, und er macht sie zur titelgebenden Bücherdiebin.

Schon mit dem Titel muss die deutsche Übersetzung mehr verraten als das Original: das Geschlecht der Hauptfigur. Die Geschichte ist durchzogen mit deutschen und bayrischen Wörtern, die immer wieder auch in Einschüben übersetzt und erklärt werden, die erwachsenen Figuren heißen alle Herr oder Frau statt Mr und Mrs.

Markus Zusak nimmt uns in eine Zeit und eine Gegend mit, die ich seit meiner Kindheit aus den Erzählungen alter Leute kenne: Hunger und Armut gehören zum Alltag, jugendliche Diebesbanden plündern Obstgärten, der Unterschied zwischen den gesellschaftlichen Schichten ist hart und deutlich, der moralische Code rigide und unmenschlich. Und weil wir in Fürstenfeldbruck sind, sehen wir immer wieder Gruppen von jüdischen Gefangenen auf ihrem Fußmarsch nach Dachau.

Was mich besonders begeisterte: Endlich eine Heldin nach meinem Geschmack. Wir sehen einer 9- bis 14jährigen zu, die Fußball spielt, liest, hinguckt, ihre Freiräume genauso verteidigt wie ihre Lieben – notfalls mit Fäusten, die mal hilflos ist und mal entschlossen, mit schrecklichen Alpträumen ebenso fertig wird wie mit eigenartigen Erwachsenen.

Anfangs irritierte mich der zeitweilige Kinderbuchtonfall des Buches. Doch er funktioniert inhaltlich, vor allem wenn damit innere menschlichen Konflikte erklärt werden, zum Beispiel die Gewissenskonflikte von manchen Erwachsenen im 3. Reich. Wenn schon telling statt showing, dann lieber so deutlich markiert. Überhaupt gibt es fast keine personale Innensicht der Personen, fast alles wird durch Handlung gezeigt oder vom Erzähler erklärt. In dieser leicht märchenhaften Erzählweise (die an ein paar Stellen ziemlich dick aufgetragen ist) bereitet uns der Tod auch auf schreckliche Ereignisse vor; dass Rudy das Erwachsenenenalter nicht erreichen wird, erfahren wir zum Beispiel bereits kurz nach seiner Vorstellung, ebenso, dass die Bombardierungen durch die Alliierten die Szenerie der Geschichte zerstören werden.

Diese Mischung von Erzählweise aus dem 19. Jahrhundert (inklusive chirurgisch präzisem Druck auf die Tränendrüsen) und moderner Charakterisierung erinnerte mich sehr an John Irving; und vermutlich werde ich bei Schilderungen von verheerenden Bombennächten in Deutschland immer an Kurt Vonneguts Slaughterhouse Five denken.

Ob jetzt wohl ein Literaturtourismus nach Fürstenfeldbruck beginnt?

* Ich kenne die Presseberichterstattung über das Buch nicht, nehme aber an, dass jeder zweite Schreiber zu dieser Überschrift gegriffen hat.

Strahlende Maikäfer, rosenfingrige Götter

24. June 2010 | von Modeste

Kaspar Schnetzler, Das Gute

29957Die Schweiz, hört man immer wieder, sei lange nicht so langweilig, wie man landläufig glaubt. Wieso dem so sein sollte, habe ich allerdings vergessen, und wenn die Schweiz in den hundert Jahren von 1912 bis 2012, die dieser Roman des zu Recht ziemlich unbekannten Kaspar Schnetzler, eines 1942 geborenen Züricher Rentners, umfasst, auch nur annähernd zutreffend abgebildet sein sollte, hat auch in dieser Frage der Volksmund recht: Dieses Buch ist langweilig. Es ist aber nicht nur fade. Es ist auch unfassbar schlecht.

Gegenstand der selbst in der Taschenbuchausgabe 552 Seiten fetten Chronik der Züricher Familien Gerber und Frauenlob sind vier Generationen, die nicht unähnlich der Vorgehensweise in didaktisch sehr bemühten Kinderbüchern alles erleben, was der Autor für charakteristisch für die jeweiige Epoche in der Schweiz hält: Die Begeisterung für den deutschen Kaiser. Der Schweizer Nationalstolz und die besondere Beziehung zu den Schweizer Selbstverteidigungsorganen. Die Spanische Grippe. Ein gewisses Sektierertum in Freikirchen (hier der Christian Science), der soziale, wenn auch überschaubare Aufstieg aus dem Kleinbürgertum und die Auswanderung einzelner Familienteile in die USA und Deutschland. Irgendwann wird auch ein Familienmitglied in politische Unruhen verwickelt, verfällt den Drogen, man wird wunderlich, gebiert und stirbt, und ja: Das ist exakt so frei von jeglicher Überraschung, wie es sich anhört.

Was aber das Urteil eines Herrn Jürg Altwegg in der FAZ – derzufolge hier ein Meisterwerk auf geneigte Entdecker wartet – besonders unverständlich macht, sind die vielfachen, teils nur schwer erträglichen sprachlichen Schnitzer. Aufgeschlagen an beliebiger Stelle heißt es beispielsweise zu den Erlebnissen eines Familienmitglieds in Wien:

“Und wie war Max dem Charme und Anblick der feschen Führerin erlegen, die er jetzt, zwei Wochen nach dem Museumsbesuch, saisongerecht wie ein Maikäfer strahlend, an der Hand durch die zartgrünen Weinberge des Kahlenbergs hinab nach Grinzing zum Heurigen führte -”

Der strahlende Maikäfer aber steht nicht allein. Eine Generation früher verlassen zwei Freunde, künftige Schwager, Zürich, die Schnetzler charakterisiert:

“Er liebte das Leben und dessen Unwägbarkeit, Geradlinigkeit war nicht seine Sache. Insofern war er das exakte Gegenteil von Walter Frauenlob, der das Leben sehr ernst nahm und dessen kulinarischem Anspruch Steaketfrites vollauf genügte, weil es ihm schmeckte.”

Die Gradlinigkeit der Freunde gebratenen Fleisches ist ohnehin sozusagen ein geschätztes Erbstück der Familie, von der es heißt:

“Böse Absicht war es nicht, das war eine in der Familie Frauenlob unbekannte Regung.”

Entsprechend gerät Max, der als nicht mehr strahlender Maikäfer nach seinen Studien aus Wien nach Zürich heimkehrt, als ein unschuldiger Tor in die politischen Wirren der späten Sechziger und

“konnte sehen, wie sich die Virtuosen am Megaphon in die Startposition für ihre ganz private Politkarriere schoben, indem sie die Masse mit Gutmensch-Parolen – wer wollte gegenwärtig nicht ein Gutmensch sein – für sich vereinnahmten, um dafür einmal ihre Stimme zu erhalten, wenn sich die Revolution in parteipolitischen Bahnen verlaufen haben würde.”

Verführt von solcherlei schlechten Menschen, stirbt Max folgerichtig einige hundert Seiten auf der Straße. Seine Schwester Regula wird dagegen alt und wunderlich und stirbt an Diabetes, und nur der erstgeborene Bruder Felix bringt es nach einer Journalistenkarriere zu einem glücklichen Leben als Hopfenbauer in Bayern. Seine Tochter Johanna erzählt die letzten Seiten.

Wer aber bis hierhin gekommen ist, wer – unglaublich, aber wahr – in einem 2008 erschienen Buch in offenkundig ernsthaftem Gestus die Worte lesen darf

“Eos, die rosenfingrige Göttin, hatte den Nebel gelichtet”

hat einen Fehler begangen: Nehmen Sie Abstand vom Kauf. Wenn Sie das Buch schon erworben haben, werfen Sie es weg. Und wenn Sie Herrn Schnetzler irgendwo treffen, geben Sie ihm Geld, damit er aufhört zu schreiben. Bei manchen Straßenmusikanten hilft das ja auch.

Lesen oder nicht lesen

7. June 2010 | von engl

Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat, Pierre Bayard

wie_man_ueber_buecher_sprichtJeder kennt das. Lesen oder nicht lesen, das ist häufig die Frage. Denn Lesezeit ist Lebenszeit. Und Lesen braucht viel Zeit, mitunter. Besonders, wenn man lesen muss. Aber muss man? Wirklich?

Pierre Bayard bringt es kurz und knapp auf den Punkt. Nein, man muss nicht. Lesen ist keine Pflicht, nur keine Sorge. Doch es kommt auf das Berufsfeld an, in dem man tätig ist. So ist Lesen trotzdem vielfach kein Spaß, keine Freude, kein freiwilliges Freizeitvergnügen. Überhaupt ist es oft kein Vergnügen,  Lesen kann eine Verpflichtung sein. Das gilt für Dozenten und Professoren, insbesondere, wenn sie im Literatischen unterwegs sind. Das gilt ebenso für Studenten auf diesem oder naheliegenden Gebieten. Die Listen mit den Pflichtlektüren scheinen mitunter endlos.

Schlimmer noch: man muss nicht nur lesen, man muss anschließend auch darüber reden, was man gelesen hat. Und am schlimmsten vielleicht: manchmal muss man darüber schreiben. Wie ich jetzt hier. Obwohl: eigentlich muss ich natürlich nicht. Ich mache das freiwillig. So freiwillig, wie ich dieses Buch gelesen habe. Zumindest zum Teil, soweit ich mich erinnere.

Das ist das Grundkonzept des Buches. Niemand kann alles das lesen, was man so gelesen haben sollte. Soviel Lebenszeit gibt es gar nicht, schließlich hat man hin und wieder auch noch anderes zu tun.  Also teilt der Autor seine Lektüre ein in unbekannte Bücher, quergelesene Bücher, erwähnte Bücher und vergessene Bücher. Und scheut nicht davor, diesen jederzeit ziemlich klare Wertungen zuzuordnen. Ja, er geht sogar so weit, dass er jedes seiner Kapitel auf eines jener Bücher stützt, die er im Grunde gar nicht kennt. Oder kennt er sie doch? Ist es möglich, sinnvoll über Bücher zu reden, die man nie auch nur geöffnet hat?

Natürlich geht das. Jeder kennt das und jeder tut es. Oder etwa nicht? Im Gesellschaftsleben, einem Lehrer gegenüber, dem Schriftsteller gegenüber oder der oder dem Liebsten gegenüber. So die Kapitelüberschriften des zweiten Buchteils, in dem es eben darum geht. Im letzten Teil gibt es dann Empfehlungen zur Haltung in solchen unvermeidbaren Gesprächen, die da lauten: sich nicht schämen, sich durchsetzen, Bücher erfinden und vor allem von sich sprechen. Sagt das nicht alles? Muss man da noch weiterlesen?

Nicht ganz unerwartet endet dieses Buch mit dem weisen Rat, doch besser selber zu schreiben als seine Lebenszeit sinnlos mit Lesen zu verschwenden. Aber wer soll das dann alles lesen?

Kann man mehr über dieses Buch sagen? Sicher. Muss man dieses Buch lesen? Keine Ahnung. Habe ich es gelesen? Aber natürlich!

Tilman Rammstedt: Der Kaiser von China

2. June 2010 | von Isa

RammstedtKaiserDer Roman beginnt so:
Dass mein Großvater zu dem Zeitpunkt, als mich seine vorletzte Postkarte erreichte, bereits tot war, konnte ich nicht wissen. Ich hatte sie ungelesen beiseite gelegt, so wie ich auch die vorangegangenen Postkarten beiseitegelegt hatte. Gemeinsam mit den Rechnungen und Wurfsendungen, zwischen denen sie fast täglich lauerten, bildeten sie unter dem Schreibtisch einen immer waghalsigeren Stapel, den ich mit einer alten Zeitung abdeckte, auch wenn das wenig half, ich wusste schließlich, was sich darunter verbrarg.

Hurra! Was für ein sensationell beknacktes Buch! Bisher war alles, was ich von Tilman Rammstedt gelesen habe – nämlich alle Bücher, die er sonst noch veröffentlicht hat: Erledigungen vor der Feier und Wir bleiben in der Nähe – wahnsinnig klug und so, dass man am liebsten dauernd alles zitiert hätte. Und immer lag irgendwo unten drunter so ein grandioser Humor, der nie dumme Witze machte, sondern nur hier und da aufschien und eine Art Humus für all die klugen Gedanken bildete. Und jetzt kommt ebendieser Tilman Rammstedt daher und ist einfach mal hemmungslos albern. Ohne in blöden Schenkelklopferhumor zu verfallen, natürlich.
Keith Stapperpfennig hat ein paar Probleme. Er und seine vier Geschwister sind bei ihrem Großvater aufgewachsen, der den Kindern andauernd neue, immer jüngere Großmütter vorstellt. Bis Keith als junger Erwachsener seinem Großvater eine dieser Freundinnen, Franziska, ausspannt (Problem Nummer eins).
Etwa zur selben Zeit hat der Großvater einen runden Geburtstag, und die Kinder schenken ihm gemeinsam eine Reise an ein Ziel seiner Wahl. Der Großvater sucht sich China aus, und sein Lieblingsenkel Keith muss mit. Der allerdings hält die Idee für vollkommen bescheuert und versteckt sich am Ende unterm Schreibtisch (Problem zwei), während sein Großvater tot in einem Kühlfach im Westerwald liegt (Problem drei) und die Geschwister glauben, die beiden wären gemeinsam in China (Problem vier). Um diese Illusion aufrecht zu erhalten, schreibt Keith “Briefe aus China”, die immer länger und blumiger werden. Als Leser lernt man dabei die erstaunlichsten Dinge über China. Man weiß ja beispielsweise, dass schon die alten Chinesen viele Dinge kannten, die bei uns erst sehr viel später auftauchten; aber dass auch der Pullunder eins dieser Dinge ist, war mir dann doch neu.
Nach zwei wirklich klugen, sehr literarischen und von der Kritik gefeierten Büchern einfach so eine Albernheit rauszuhauen (die natürlich auch klug und literarisch ist, aber eben auch wunderbar unernst): das muss man sich erst mal trauen. Lieber Tilman Rammstedt, wenn ich nicht ohnehin schon ehrfürchtig vor Dir im Staub läge, dann spätestens jetzt. Meine Verehrung.

Rammstedt steht im Regal zwischen François Rabelais und Fabrizia Ramondino.

PS: Katy Derbyshire hat es auch gelesen und gemocht.
Und Tilman Rammstedt hat Max Frisch gelesen und nicht gemocht. Hihi.

Ludwig Bechstein: Der Verdrüßliche. Illustriert von Axel Scheffler

31. May 2010 | von Isa

SchefflerVerdruesslichIch bin verdrüßlich!
Weil ich verdrüßlich bin,
bin ich verdrüßlich.

Sonne scheint gar zu hell,
Vogel schreit gar zu grell,
Wein ist zu sauer mir,
Zu bitter ist das Bier,
Honig zu süßlich!

Weil nichts nach meinem Sinn,
Weil ich verdrüßlich bin,
bin ich verdrüßlich.

Und so weiter. Der Verdrüßliche ist verdrüßlich, komme, was wolle. Und wenn alle um ihn herum tanzen und den Hut in die Luft werfen, wenn Winter, Frühling, Sommer oder Herbst ist: der Verdrüßliche ist verdrüßlich. So schreibt es Ludwig Bechstein.
Und Axel Scheffler hat das mal wieder so wundervoll illustriert, dass selbst der Verdrüßlichste nicht mehr verdrüßlich bleiben kann. Ich glaube, man kann einfach bedenkenlos alles kaufen, was Axel Scheffler macht. Erschienen ist es im Verlag Jacoby Stuart, den ich erst mit dem Halten von Eichhörnchen entdeckt habe. Die Webseite macht den Eindruck, dass die lauter so schöne Bücher machen. Kaufen! Und einem Verdrüßlichen schenken. Er wird dann weniger verdrüßlich sein, ich schwör.

Alan Bennett (Ingo Herzke): Handauflegen

30. May 2010 | von Isa

BennettHandauflegenDer Roman beginnt so:
Treacher saß unauffällig im hinteren Teil eines Seitenschiffs und bemerkte dennoch, dass er häufig angeschaut wurde. Er war groß, dünn und trug einen unfreundlich abweisenden Gesichtsausdruck, und wäre dies ein britischer Film aus den Sechzigern, hätte ihn der Schauspieler Raymond Huntley gespielt. Dieser war schon im wirklichen Leben ziemlich unangenehm und hatte sich in Ausübung seiner Kunst auf die Darstellung schlechtgelaunter Geschäftsleute und wichtigtuerischer Beamter spezialisiert.

Treacher ist nicht der einzige, der da in der Kirchenbank sitzt, die Kirche füllt sich mit immer mehr Prominenten, von hochrangigen Politikern über Banker bis hin zu Schauspielern und Fernsehsternchen. Sie alle sind zum Gedenkgottesdienst für Clive gekommen, der im zarten Alter von 34 Jahren gestorben ist. Niemand weiß, woran, aber man macht sich so seine Gedanken. Clive war Masseur, er hat die Reichen und Schönen massiert, und ihnen – je nach Bedarf und mit größter Diskretion – nicht nur die Hand aufgelegt. Alle sind erstaunt, dass so viele andere Prominente da sind, dass überhaupt so viele Leute da sind, sie alle dachten, sie gehören zu einem exklusiven, kleinen Kreis. Die Trauer um Clive ist bei den meisten weniger eine Trauer um Clive, als vielmehr die Angst davor, dass er ihnen etwas Unliebsames hinterlassen haben könnte. Und so rutscht die versammelte Upper Class auf den Bänken hin und her, während der Gottesdienst unter Anleitung von Pater Jolliffe seinen Lauf nimmt. Pater Jolliffe kannte Clive übrigens auch und wird, wie alle anderen Anwesenden, durch verschiedene Enthüllungen im Laufe des Gottesdienstes gehörig durch seine Gefühlswelt geschleudert.

Alan Bennett bezaubert hier wieder mal (wie schon in der Souveränen Leserin und Così fan tutte) mit seinem extrem britischen Humor, mit diesem feinen Ironieteppich, der der ganzen Geschichte zugrunde liegt; er nimmt Ängste und Befindlichkeiten aufs Korn und nimmt sie erstaunlicherweise gerade durch Unernst und Überdrehtheit ernst. Und auch dieser Bennett hier ist ebenso kurz wie die beiden anderen, keine 100 Seiten. Wer einfach mal was Kleines, Leichtes, unglaublich Charmantes, aber keineswegs Dummes lesen möchte: Alan Bennett. Dieser hier ist vielleicht der Lustigste von den dreien, die ich bislang gelesen habe. Ich liebe sie alle drei. Und alles andere von Bennett werde ich sicher auch noch lesen.
Bennett steht im Regal zwischen Benn und Bergengrün.

Gerbrand Bakker (Andreas Ecke): Juni

25. May 2010 | von Isa

BakkerJuni

Der Roman beginnt so:
„Gleich kommt Slootdorp“, sagte der Chauffeur. „Dort übernimmt sie ein neuer Bürgermeister“.
Sie schaut hinaus. Rechts und links breite Streifen Weide- und Ackerland, deren Ende nicht zu sehen ist. Hier und da ein klobiger Bauernhof mit rotem Ziegeldach. Zum Glück regnet es nicht. Rechts wird die Sicht teilweise von C.E.B. Roëll versperrt, die in ihren Papieren liest; bestimmt irgend etwas über das Dorf, zu dem sie unterwegs sind. Sie zieht die Handschuhe aus, legt sie sich auf den Schoß und klappt den Aschenbecher auf. Roëll seufzt. Einfach ignorieren. Noch nicht einmal das halbe Pensum, und es kommt ihr so vor, als wäre schon viel mehr als die Hälfte des Tages vorbei.“

Im Juni 1969 besucht die niederländische Königin Juliana das Dorf. Alle sind darauf vorbereitet, die Häuser sind geschmückt, Kinder überreichen Blumen und winken mit Fähnchen, die Volkstanzgruppe tritt auf, und so weiter. Für alle ist es aufregend, außer für die Königin, die macht das nämlich dauernd.
Ungefähr vierzig Jahre später sind die Kinder, die damals gewunken haben, die die Blumen überreicht oder den Königinnenbesuch geschwänzt haben, erwachsen und haben selbst Kinder, und die damaligen Erwachsenen sind alt. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht die Familie Kaan: Oma Anna Kaan, die sich gelegentlich mit einer Flasche Eierlikör und ihrem Herzeleid auf den Heuboden verzieht und erst nach einer Weile wieder herunterkommt. Ihr Mann Zeeger, der auch nicht weiß, was er tun soll. Sohn Klaas, der den Hof verkommen lässt, seine Brüder Jan und Johan, die ebenfalls ihr Päcklein zu tragen haben, und Dieke, die fünfjährige Enkelin, die sich vieles nicht erklären kann. Und diverse andere Dorfbewohner, die durch verschiedenste Vorkommnisse, von denen viele mehr oder weniger mit dem Besuch der Königin zusammenhängen, mit den Kaans verbunden sind. Allesamt sehr eindrückliche Charaktere, alle sehr plausibel, alle mit ihren Macken und Verletzungen.
Die Geschichte entblättert sich, indem Bakker in kurzen Kapiteln mal dieser, mal jener Figur folgt; alles findet an einem einzigen Tag im Juni statt, rückblickend auch am Tag des Königinnenbesuchs vor fast vierzig Jahren. Dauernd gehen Dinge kaputt, und es wird viel Radio gehört.
Ein paar Themen kehren wieder, die Bakker schon in Oben ist es still behandelt hat, auch die Stimmung ist ähnlich; aber es ist doch ein sehr neues, sehr anderes Buch, und es ist ebenso wunderbar. (Und ebenso wunderbar übersetzt von Andreas Ecke.) Extrem lakonisch, im Klappentext steht „so wortkarg wie wortstark“, das trifft es sehr gut.
Was mir auch gefällt: dass am Ende nicht alles gelöst ist. Es werden alle weiter an ihrem Päckchen zu tragen haben, es hat nur einige Verschiebungen gegeben. Und ein paar Enden hängen noch lose herum. Aber wir brauchen auch gar nicht zu wissen, wie diese Geschichten weitergehen. Die Figuren sind uns für eine Weile nahe gekommen, und jetzt verlassen wir sie wieder. Großartiges Buch, lesen!
Im Regal hat Gerbrand Bakker prominente Nachbarn, nämlich Nicholson Baker und Honoré de Balzac.

Paul Torday (Thomas Stegers): Charlie Summers

24. May 2010 | von Isa

TordaySummersDer Roman beginnt so:
Das Geld kam aus dem Nichts. In den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts wurde die Welt wie nie zuvor von Geld überschwemmt. Die Zeitungen sprachen von einem „Chash-Tsunami“, mit einer Begeisterung, die jedes Urteilsvermögen vermissen ließ. Aber das war bezeichnend für die Situation, wie sie sich für uns im Geldgeschäft damals darstellte. Investmentbanken, Hedgefonds, Prime Broker, Hypothekengeber, Privatkundenbanken: Alle warfen mit Geld nur so um sich.

Irgendwo in diesem Riesengeschäft mit dem Geld befindet sich Hector Chetwode-Talbot, genannt Eck. Er versteht nicht wirklich etwas vom Geldgeschäft, lernt aber gerade genug, um seinen reichen Freunden so weit den Mund wässrig zu machen, dass sie in den Hedgefonds seines Chefs Bilbo investieren. Es ist sein Job, neue Kunden zu akquirieren, und da er aus entsprechenden Kreisen stammt, reichlich Leute kennt und mit Messer und Gabel essen kann, ist er ein guter Mann für diesen Job und verdient gutes Geld. Seine Freunde legen ihr Geld bei Bilbo an, unter anderem sein alter Freund Henry Newark.
Eck und Henry lernen eines Tages Charlie Summers kennen, einen Kleingauner, der mit immer neuen Geschäftsideen immer wieder scheitert und sich mehr schlecht als recht durchs Leben schlägt. Immer wieder taucht er in Henrys oder Ecks Nähe auf, mal zufällig, mal absichtlich, immer pleite. Wer ihm Geld leiht, bekommt es ziemlich sicher nicht zurück. Naja, und wie die Sache mit dem großen Geld und den riskanten Anlagen und den Hedgefonds und den faulen Immobilienkrediten ausgeht, ist ja bekannt.
Das Buch war mir angepriesen worden als Gesellschaftssatire, als hochkomische Beschreibung der englischen besseren Gesellschaft, der Finanzkrise und so weiter. Nun gut, es ist schon alles ungeheuer britisch, das macht großen Spaß. Ansonsten fand ich es irgendwie mittel. Also, tatsächlich nicht schlecht, aber es reißt mich auch nicht vom Hocker. Und dann am Ende, als ich hoffte, das Ende könnte es noch rausreißen: leider verspielt. Kurz vorher schon einen Dreh zu viel reingebracht, und dann am Schluss zu dick aufgetragen. Mochte ich nicht. Fazit: *achselzuck* Kann man schon gut lesen. Muss man aber nicht unbedingt. Ganz nett, wenn man sowieso gerade in Großbritannien ist.

Paul Torday bekommt einen Regalplatz zwischen Friedrich Torberg und Sue Townsend.

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21. May 2010 | von Modeste

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Diesen Text widme ich meinem lieben J.

Für den Grill Royal sprechen insbesondere seine Gegner. Mit einer Versammlung all derjenigen, die das Essen als mittelmäßig, die Gäste als unelegant, das Interieur als abgeschabt und die Tische als zu eng gestellt tadeln, möchte man einen Abend aus verschiedenen Gründen durchaus weniger gern verleben als mit den Menschen, die ganz gern an der Weidendammbrücke essen, obwohl – aber kommt es darauf an? – der größere Teil der Kritik als eigentlich schon eher ziemlich berechtigt gelten muss. Der Service etwa ist immer charmant, aber nur, wenn man Glück hat, professionell. Teuer, zumindest für die insgesamt noch immer bescheidenen Berliner Verhältnisse, ist der Grill auch, und ein nicht ganz unerheblicher Teil der servierten Speisen ist mit der Bestellung ab und zu nicht oder nur teilweise identisch. Auch die Steaks, dies sie hinzugefügt, sind im Filetstück besser.

Der J. liebt den Grill trotzdem. Im Grill ist er glücklich. Der J. mag die roten Lampen, die sofahaft weichen Bänke und die offenen, flämisch anmutenden Kühlschränke mit dem hängenden, nein: prangenden Fleisch. Der J. mag das Holzboot an der Stirnseite des Raums, die Raucherlounge mit den Photos sehr schöner Frauen, die Frauen im Grill generell, diesen bisweilen schon ganz leicht herbstlich verschatteten Typus wie aus französischen Filmen mit Romy Schneider oder Catherine Deneuve und die ganz jungen, vor Vitalität berstenden Mädchen, die Champagner bestellen, weil sie von Wein nichts verstehen. Außerdem liebt der J. Fleisch. 300 Gramm Filet also für den J., Rosmarinkartoffeln, Bohnen, den Grill Royal Salat vorweg und für mich 180 Gramm Filet Tagliata. Ein Cygnus. Ein Drink an der Bar vorweg, denn unser Tisch ist noch nicht frei.

Der Grill ist voll. An dem Tisch, der unser Tisch werden wird, gestikuliert eine spanisch oder italienisch wirkende Frau um die vierzig in einem geschlitzten, weißen Top mit Fledermausärmeln. Neben uns an der Bar steht eine sehr, sehr schöne Russin oder Ukrainerin und bestellt einen Wodka Sour. Genießerisch, versonnend lächelnd lässt der J. seinen Blick durch den Raum schweifen, betrachtet (wie man annehmen muss) die anwesenden Frauen, begutachtet ihre Kleider und ihren Schmuck und dann dreht er sich nach dem Barkeeper um: Ein Dry Martini. Anschließend fällt sein Blick auf die Theke. Der J. runzelt die Stirn. Stucki, Uslar, Fetisch, steht auf einem in das Holz eingelassenen Messingschild. Der J. schaut ungehalten.

“Der Idiot”, röchelt der J. und verzieht das Gesicht. Ich rechne. Zehn Jahre oder mehr liegen zwischen einem Abend im Hannoveraner Schauspielhaus, dem der J. als gebürtiger und selbstbewusster Niedersachse oblag, und dem heutigen Abend, doch frisch, besorgniserregend frisch geradezu, hat sich das Missfallen des J. konserviert, der gegen den ihm bis zu diesem Abend unbekannten Moritz von Uslar damals eine heftige Abneigung gefasst hat. Ich kann mich an von Uslar kaum erinnern.

Die Bücher von Stuckrad-Barres dagegen hat der J. gern gelesen. Soloalbum, damals vor hundert Jahren, auch gern und vielfach verschenkt, die nächsten Bücher immerhin noch halb zerstreut am Strand durchblättert, und auf Anfrage stets als “ganz gut” markiert, was auf der Skala niedersächsischer Lobreden schon recht hoch zu veranschlagen ist. Die Niedersachsen loben nämlich nicht so gern. “Hat der nicht ein neues Buch …?”, überlege ich laut vor mich hin, und dann kommt der Kellner. Der Tisch ist jetzt frei. Ganz schnell (ich bin hungrig) esse ich ungefähr zwei, drei Scheiben Brot mit ziemlich viel Öl und sehe den Salzschuppen dabei zu, wie sie gemächlich im Öl zergehen.

Irgendwann kommt dann auch Essen. Wir sprechen über gemeinsame Bekannte, über ein sehr schönes Bild, das wir gern hätten und das “Nordwand” heißt, über Leute, die in Townhouses ziehen, und über Katzen. Über Bücher sprechen wir auch. Ob von Helmut Krausser noch einmal etwas Großes kommt, etwas Wuchtiges, Schwarzes, blutig wie ein englisches Steak und ungeschlacht wie Gesänge aus anderen Zeiten. Ob man gegen Elke Heidenreich nicht etwas Wirksames unternehmen kann, ob es Daniel Kehlmann gut täte, sich unsterblich, aber unglücklich zu verlieben, dass wir beide das Buch von dieser Frau Schmidt nicht gelesen haben über eine Rekonvaleszentin, das letztes Jahr den Buchpreis gewonnen hat, weil wir nur noch Bücher von schönen Menschen lesen möchten, denn das Leben ist kurz.

So ein Steak ist dann eigentlich schnell gegessen. Man trägt ab. Ich werde leider voraussichtlich noch dieses Jahr platzen, der J. aber kann sich das Nachtischessen noch leisten. Crème Brûlée soll es sein, murmelt der geschätzte Gefährte, vielleicht auch die Schokoladenvariation, genau weiß man das noch nicht, und ordert doch noch einmal in der Karte. “Deutschlandbecher.”, sagt der J. auf einmal und schaut mich traurig an. Ich nehme ihm die Karte aus der Hand. Für € 20 erhält man einen Eisbecher und das neue Buch von Benjamin v. Stuckrad Barre, das Texte enthält, die mit “Zeitgeistreportage” nicht ganz zutreffend umschrieben sind.

Literarisch sind diese Texte schon, nimmt man alles in allem, fiktional dagegen sicherlich nicht, Miniaturen der Gegenwart, sehr genaue, sehr gut ausgeleuchtete Beobachtungen von jemandem, der das Auge hat, dies alles zu sehen, und dem die Worte gehorchen, die Welt zu beschreiben. Wie ein Reisender beschreibt Stuckrad-Barre in den besseren seiner Texte die Gesellschaft, mit der sich auch das Fernsehen beschäftigen mag oder die Gala, und bisweilen gewinnen seine Sujets dabei einen sonderbaren, surrealen Reiz. Noch interessanter, dies aber mag individuellen Spleens geschuldet sein, wäre sicherlich die Lektüre, würde sich Stuckrad-Barre mit einem Ausschnitt der Gesellschaft beschäftigen, der speziell vielleicht mein Interesse in höherem Maße erregen würde als der Vorsitzende der FDP Guido Westerwelle oder der Schauspieler Til Schweiger, aber langweilig, nicht lesenswert gar, ist diese Sammlung nicht. Zumindest aber ist es Stuckrad-Barre gelungen, den J. schnell und wirksam zu deprimieren.

“Dabei ist der jünger als ich.”, lächelte der J. nach ein paar dumpf verbrüteten Minuten des Vergleichs der eigenen, insgesamt überschaubaren Lebensleistung mit dem durch einen Nachtisch in seinem Lieblingsrestaurant gefeierten Autor tapfer vor sich hin und versucht, offenbar vergeblich, sich eigener, ebenso rauschender Erfolge zu erinnern.

(Dass aber dann nicht einmal das Buch vorrätig war, nahm der J. hin wie jeder gelernte Berliner die Unregelmäßigkeiten im Dienstleistungssektor dieser Stadt aushält. Dass das Buch signiert doch eintraf, fast zwei Wochen später per Post, erfreute den J. als eine unerwartete, glückliche Fügung des Lebens, und dass der Deutschlandbecher sehr banal aus drei Eissorten bestand, die in einer Art Stielglas aufeinander geschichtet serviert wurden, war dem J. nicht einmal einen Kommentar wert, denn unabhängig vom Essen eigentlich ist der J. im Grill glücklich, und was der Grill serviert, ist dem J. recht.)

Das Buch, lässt der J. ausrichten, habe ihm gefallen.

(Benjamin v. Stuckrad-Barre, Auch Deutsche unter den Opfern)

Warum wir welche Geschichten gerne lesen

18. May 2010 | von Kaltmamsell

Angela Leinen, Wie man den Bachmannpreis gewinnt

Leinen_Bachmannpreis Es gibt Leute, die die Klagenfurter „Tage der deutschsprachigen Literatur“, vulgo den Bachmannpreis, leben und feiern wie andere Leute (viel, viel mehr Leute) die Fußballweltmeisterschaft – ein mir ausgesprochen sympathisches Spinnertum. Seit 2004 gehört auch Angela Leinen dazu, die ich als Autorin des Blogs Sopranisse kenne. Aus ihrem Blog weiß ich unter anderem, dass sie ganz besonders gerne und viel liest und dass es in ihrer jugendlichen Vergangenheit Walter Kempowski gab.

Das Ergebnis dieser beiden Interessen, Bachmannpreis und Lesen, ist ein Buch: Wie man den Bachmannpreis gewinnt. Angela Leinen hat eine Art Poetik geschrieben, aus der Perspektive einer Leserin und erfahrenen Bachmannpreisbesucherin. Und zwar in einem Tonfall, der gerade durch Leichtigkeit und Ironie verrät, mit wie viel Leidenschaft sie für diese Themen brennt.

Zwar richten ihre Tipps sich tatsächlich vor allem an dem Ziel aus, den Bachmannpreis zu gewinnen, doch formuliert sie durchaus allgemeine Handreichungen, wie und worüber sich gute Geschichten schreiben lassen. Hilmar Klute hat das Buch im Aufmacher der jüngsten Wochenendbeilage der Süddeutschen Zeitung (leider nicht online) als Beispiel für die Umtriebe der Nichtexperten als Rezensenten genannt: „An der Entzauberung der Kunst wird also nicht allein im Internet gearbeitet.“ Was lediglich belegt, dass Herr Klute das Buch nicht gelesen hat: Es geht nicht um Entzauberung, sondern um Reflexion. Die Autorin bezieht sich dabei auf eine ganze Reihe namhafter Werke, die sich über das Entstehen von Geschichten Gedanken machen. Andererseits steht Hilmar Klute mit seiner Anmerkung in der guten deutschen Tradition des romantischen Geniekults: Sobald Kunst Können erkennen lässt, ist sie keine Kunst mehr. Und wenn ich an so manche ungelenke Inhaltsangabe denke, die die Süddeutsche Zeitung als Buchrezensionen verkauft, ist mir eine Angela Leinen mit ihrer ungeheuren Belesenheit und Analysefertigkeit deutlich lieber.

Angela Leinen schreibt über geeignete Stoffe für Bachmannpreisgeschichten, von A für „Arbeit, gute ehrliche“ über E für „Ex, Abrechnung mit der/dem“ und K für „Krankheit und Siechtum“ bis X für „XY ungelöst“ – zählt Folgen der und Beispiele für die Behandlung dieser Themen auf und schließt dies jeweils mit Stichpunkten zu Reizen und Risiken der Sujets ab. Sie lässt sich ebenso aus über die Perspektiven beim Erzählen und deren Auswirkungen, über Schauplätze, Motive und die Sorgfaltspflicht von Autoren. Dazwischen stehen Gastbeiträge von Menschen aus dem Literaturbetrieb, die also beruflich Kriterien für die Beurteilung von Geschichten haben, nicht nur als Leser. Kathrin Passig hat das Vorwort geschrieben und macht sich darin Gedanken über die Messbarkeit literarischer Qualität und die besondere Rolle, die dabei der Bachmannpreis spielt. (Wenn allein schon der Versuch einer Objektivierung von Beurteilungskriterien Entzauberung ist, dann hat Hilmar Klute allerdings doch recht. Aber dann ist die gesamte Literaturwissenschaft eine einzige Entzauberung.)

Ich hatte mich sehr auf das Buch gefreut und las es mit Genuss und Belehrung. Sehr schön fand ich unter anderem das Kapitel über Schauplätze (Venedig geht nur noch mit wirklich originellem Twist) und das kluge Nachdenken darüber, warum welche Sexszenen funktionieren und andere nicht. Manchmal passten die Überlegungen allerdings nicht ganz zum Buchtitel – vielleicht wäre das Buch runder geworden, wenn es die Gedanken zum Geschichtenschreiben völlig unabhängig vom Bachmannpreis formulieren hätte können.

Nebenher tauchen die ganzen 190 Seiten über als positive Beispiele ständig Bücher auf, die ich noch nicht kannte und umgehend lesen wollte. Seien Sie also gewarnt: Wenn Sie auf Angela Leinens Sicht anspringen, beenden Sie die Lektüre des Buches nicht nur mit einem Lächeln in den Augenwinkeln, sondern auch mit einer ziemlich langen Wunschliste.