Die kleine Schwester der großen Liebe

9. März 2010 | von Modeste

IMG_0019Irinas Buch der leichtfertigen Liebe, Tim Krohn

Manchmal sitzt man mit Freunden an einem Tisch irgendwo und spricht über die Liebe wie über eine ernsthafte Krankheit mit mal mehr, mal weniger schwerem Verlauf. Wie ein siamesischer Zwilling hängt an solchen Tagen an der Liebe das Problem, alles erscheint unglaublich problematisch, so schwer wie ein Wackerstein und so dunkel wie Schwarzbrot. Manchmal aber, seltener, wirft die Liebe alles ab, was muffig ist, tanzt in Chiffon und mit losen Locken barfuß über grünen Rasen, und verstrickt alles, was ihr in die Quere kommt, mit leichten Girlanden aus Rosen, grünen Blättern und Duft. In diesen Momenten wird es dann richtig gefährlich.

Einen Anstoß braucht es dazu kaum. Bisweilen reicht – wie in diesem charmanten Buch des mir bisher völlig unbekannten Herrn Krohn – eine falsche Faxnummer, und die Verhältnisse beginnen zu schwingen. Aus einem russischen Ehepaar in Paris, einer alten Freundin, deren Assistenzarzt, einem kleinen Kind (und einem zweiten noch viel kleineren) und einer ehemaligen Geliebten aus Schweden wird ein luftiges Ballett aus Sommer und begehrten, begehrlichen Körpern. Nichts sieht ernsthaft aus,  alles zeigt sich auf einmal von ganz anderer, appetitlicher, duftender Seite, und vor den Kulissen von Moskau und Paris und einem Seebad am Atlantik zieht der Erzähler eine kleine Geschichte auf, die so luftig erscheint wie ein Baiser. Als sei dies noch nicht genug des Unernstes, der lachend-augenzwinkernden Plauderei, bindet Krohn sein Romanpersonal in eine Rahmenhandlung ein, die wiederum eine Liebesgeschichte erzählt, mit Irina nämlich, der über die 170 schnell gelesenen Seiten die Liebe ausgemalt wird, wie wir alle sie uns bisweilen wünschen: Als ein lachender, tanzender Puck, des großen Pan kleine, spitzohrige Schwester, der man sogar ein paar sprachliche Schwächen und handfeste Klischees verzeiht wie einem hübschen Kinde Sommersprossen oder ein ganz, ganz leichtes, reizendes Lispeln.

Die Briefe der Anderen

7. März 2010 | von engl

Herzzeit, Ingeborg Bachmann, Paul Celan

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Wer schreibt heute noch Briefe, mit der Hand, und lässt sie von der Post transportieren? Ich so gut wie gar nicht, nicht mehr. Ich kann mich aber erinnern, dass ich das früher einmal getan habe. Viele Briefe sogar, seitenweise. Neulich habe einen ganzen Stapel davon zurückerhalten. Von meiner Cousine, die sie über Jahrzehnte hinweg aufbewahrt hat. Offensichtlich hält sie sie für etwas Besonderes. Ich kann das nicht beurteilen, ich kann mich auch kaum erinnern. Und ich habe mich noch nicht getraut, einen Blick hineinzuwerfen.

Ich weiß einfach nicht, ob ich die Briefe dieser Fremden, etwa 17jährigen einfach so lesen darf. Schließlich gibt es ein Briefgeheimnis.

Die Post der Anderen bekommt man normalerweise nicht einmal zu Gesicht, schon gar nicht ihre Briefe. Ausnahmen gibt es nur bei bekannten Persönlichkeiten, deren zufällige Nachlässe jahrzehntelang in irgendwelchen Archiven aufgehoben werden. Bis sie dann in Buchform erscheinen. Auch da weiß ich manchmal nicht so recht.

Warum den Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan lesen? Ihre Liebes- und Streitbriefe, Höflichkeits- und Geschäftspost, Telegramme, Karten und Entwürfe, entstanden zwischen 1948 und 1961. Zwei längst Gestorbene, beide einen ganz eigenen, einsamen Tod. Alles mehr oder weniger privat, wenn man das Leben und Schreiben berühmter Dichter als privat betrachten möchte. Abschied und Wiedersehen, Hoffen und Warten, alles immer nur Versuch. Das Leben und Dichten der Anderen.

Diese Vokabeln und diese Welt!

Geht mich das etwas an? Muss mich das interessieren, weil die beiden heute zu Recht als herausragende Gestalten der deutschen Nachkriegsdichtung gelten?

Es gibt zwei Arten, dieses Buch zu lesen, eine davon ist die literaturwissenschaftliche. Mit einem ausführlichen Apparat versehen, Kommentar, Nachwort und verschiedene Register, ein editorischer Bericht, ausführliche Stellenkommentare, Siglen und eine nützliche Zeittafel, ist diese Version gut bedient.

Man kann aber auch einfach nur die Briefe lesen. Und genau das sollte man tun. Weil man sonst wunderbar wahre Sätze verpasst.

Nichts ist wiederholbar, die Zeit, die Lebenszeit hält nur ein einziges Mal inne, und es ist furchtbar zu wissen, wann und für wie lange.

Und die Tatsache, dass der wohl wichtigste Brief zwar geschrieben, aber am Ende nie abgesandt wurde.

Dörfliches Elend

6. März 2010 | von Kaltmamsell

Patrick Findeis, Kein schöner Land

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Sein Text hatte mir von allen Bachmann-Kandidaten 2008 am besten gefallen: Allein schon der Schauplatz heutiges Dorf, und dann die schlichte Sprache. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis ich endlich den ganzen Roman lesen würde, dem er entnommen war.

Die Langstrecke hielt, was der Ausschnitt versprochen hatte: Dichtheit und Unverblümtheit, die weder tümeln noch romantisieren noch lamentieren. Ich hatte dieses süddeutsche Dorf sofort vor Augen, in dem fast keine Landwirtschaft mehr betrieben wird, in dem aus jeder stillosen Fassade, aus jedem ungenutzten Schuppen, aus jeder angemoosten Eternitplatte, aus jeder handrenovierten Kapelle Leere und Sinnlosigkeit sprechen. Diese Details brauchte Findeis gar nicht zu erwähnen – ich dachte sie mir automatisch dazu, ebenso wie die Läufer im PVC-ausgelegten Korridor und das Eichengestell der Deckenlampe im Jugendzimmer.

Findeis zoomt sich aus einer Ferne heran: Im ersten Kapitel tauchen noch spanische Ortsnamen auf, jemand dort findet zwei Telefonnummern aus dem Dorf in seinem Adressbuch. Die zweite Ferne ist eine Stadt, von der aus ein zweiter Jemand sich auf den Weg zum Dorf macht. Mit ihm treffen auch wir ein.

Zunächst wirkt die Umgebung, in der erzählt wird, nur etwas langweilig – Land ohne Landleben halt. Dann kommen die Figuren immer näher, die jetzigen Enddreißiger werden ab ihrer frühen Kindheit, wenn auch nicht durchgehend chronologisch erzählt. Vier Männer aus diesem Dorf bilden das Gerüst der Handlung, nur einer hat in der Gegenwart der Erzählung noch regelmäßig Kontakt dazu. Die Geschichte entfaltet sie und ihre Fluchtversuche, webt das Netz der menschlichen Verbindungen: Die Dorfbewohner, die erst nach dem Krieg als Flüchtlinge hierher gekommen sind und nie ganz akzeptiert wurden; der Kleinunternehmersohn, der aufs Gymnasium durfte und seinen Grundschulfreund dadurch einsam zurückließ. Alle Figuren des Romans sind verlassen, ihre schlichten Versuche, sich Aussichten und Zukunft zu schaffen, scheitern wieder und wieder, bis sie mürbe von Unglück sind. Auf ganz banale Weise.

(Allerdings interessiert mich sehr, wie jemand das Buch liest, der keine süddeutschen Dörfer samt ihrer Jugend kennt.)

Out of Berlin

28. Februar 2010 | von engl

Und im Zweifel für dich selbst, Elisabeth Rank

rank_und_im_zweifel_fur_dich_selbst Ich tue mich ja grundsätzlich schwer mit Büchern, auf denen hinten – also außen – schon draufsteht, dass sie angeblich irgendetwas mit einer bestimmten Generation zu tun haben sollen. Zumal es sich natürlich nie um meine Generation handelt, über die wird schon lange nicht mehr geschrieben. Falls überhaupt jemals über sie geschrieben wurde. Wenn außerdem noch Schlagworte wie Zeitgeist oder Lebensgefühl hinzukommen, dann war’s das für mich. Normalerweise.

Das ist natürlich ungerecht, ich weiß. Vor allem ist es ungerecht den Autoren gegenüber, denn die können in den wenigsten Fällen etwas für den Unsinn, den ein Verlag außen auf das Buch drucken möchte. Ebenso wenig Einfluss haben sie meistens auf die Covergestaltung, die in diesem Fall* allerdings nahezu genial ist. Von Anfang an weiß ich einfach nicht, wie es richtig ist, immerzu nehme ich das Buch falsch herum zur Hand. Und das ändert sich auch während der gesamten Lesephase nicht.

Gelesen habe ich es also, von vorne bis hinten, auch wenn es nicht Liebe auf den ersten Blick war. Nicht einmal Liebe auf den zweiten Blick, der Text liest sich nicht einfach mal so eben nebenbei. Das gefällt mir ja eigentlich. Doch dass mich dann gleich auf der ersten Seite, in der zweiten Zeile ein derart schräges, nahezu fehlerhaftes Bild anzickt, vermag ich nur selten gelassen zu übergehen.

Es ist ein Glück, dass sich dieser Eindruck sehr schnell verflüchtigt. Dass sich stattdessen ein Einblick in eine ausgesprochen langsame und tiefgreifende Geschichte auftut, die zu lesen sich definitiv lohnt. Und das nicht nur, weil die möglicherweise schrägen Bilder, die leider hier und da immer wieder einmal auftauchen, von unzähligen anderen, mehr als gelungenen, treffsicheren Einsichten mehr als nur wettgemacht werden. Knappe Sätze, gut auf den Punkt gebracht, eröffnen mitunter so etwas wie Wahrheit. Das ist viel. Das ist gut. Das verstehe auch ich, die ich nicht diesem Generationending zuzurechnen bin. Immer wieder erreicht mich beim Lesen ein kleiner Schreck der Wiedererkenntnis.

Dabei ist es ein großer Schreck, der dem Buch vorausgeht. Eine Katastrophe. Tim ist tot, von einem LKW überfahren. Das allein schon eine unumstürzliche Wahrheit. Wer Berlin kennt, der erkennt auch den Ort des Geschehens. Ein (vermeintlicher) Dreh- und Angelpunkt des modernen Alltags irgendeiner Generation. Was weiß ich? Das ist unwichtig, zum Glück. Spielt im Weiteren kaum eine Rolle.  Lene, Tims Freundin, flüchtet nach der Todesnachricht verzweifelt aus der Stadt. Das Zeitgeistberlin rückt in den Hintergrund, wo es in der Gewissheit eines derart brutalen Abschieds wohl auch hingehört. Alles ist anders, nicht mehr Berlin. Nichts ist mehr dort, wo es vorher war. Und wie es war. Wie es hätte werden können, vielleicht. Plötzlich out of order. Tonia, Lenes Freundin, begleitet diese auf einer Irrfahrt durch die mecklenburgische Sommerlandschaft, bis hoch an die Ostsee. Tonia ist es auch, die auf 200 Seiten davon berichtet. Viel mehr passiert nicht.

Es ist die Wahl dieser randständigen  „Hauptfigur”, die für mich den Reiz des Buches ausmacht. Tonias Hilflosigkeit und Erschöpfung, gleich daneben ihre detaillierten Betrachtungen aus persönlicher Perspektive, außerdem die immer wiederkehrenden Irritationen in Bezug auf das eigene Leben als Zentrum der Geschichte mögen auf den ersten Blick abwegig erscheinen. Darüber hinaus ist es diese Perspektive, die die Langsamkeit des Buches ausmacht. Da ist kaum ein Boden und alle Zeit nur relativ. Was bleibt ist Tonias zähe Klarheit in einem sommerflirrenden Gewirr aus Chaos und Schmerz.

Das ist nicht jedermanns Sache, ich weiß. Muss nicht alles in dieser Generation schnell und perfekt geschnitten sein? Lebendig und pulsschlaggenau? Immer genau auf den Punkt? Keine Angst, der Text ist gut geschnitten. Immer exakt an der Stelle, wo es nötig erscheint. Der Beat schlägt und trifft. Ganz langsam, ganz tief. Das ist es, was alles zusammenhält. Und lebendig.

* Verantwortlich für den Umschlag wird eine Josefine Rank genannt, was darauf hindeutet, dass in diesem Fall sehr wohl eine ausgezeichnet genutzte Einflussnahme vorliegt.

Mehr als ein schlauer Mädchenstreich

25. Februar 2010 | von Anselm Neft

Helene Hegemann: Axolotl Roadkill CIMG1040 (Ullstein, Februar 2010, 2. Auflage)

Um 16 Uhr 30 wache ich orientierungslos in einen Bettbezug gewickelt auf und frage mich als erstes, ob man in so einem Zustand von sich selbst gelangweilt sein kann. Bin krank. Seit Wochen. Die Wohnung besteht aus Taschentüchern, Teebeuteln, Staubmäusen und dem gerade ausgelesenen Buch Axolotl Roadkill. Mir schwirrt der Kopf. Ich habe Gesichte.

Am Bettrand sitzt Helene und sieht mich aus kajalumränderten Augen an.

 

„Was meinst du?“, fragt sie.

„Nicht übel. Is’ schon Literatur. Oder zumindest Proto-Literatur.“

„Früher war das alles so schön pubertär hingerotzt und jetzt ist es angestrengte Literatur.“

„Es ist teilweise auch anstrengend zu lesen. Ich habe mich gefühlt, als würde ich ein paar Stunden mit einem sehr schlauen, belasteten Teenager verbringen.“

„I totally agree und frage trotzdem: Warum?”

„Sprichst du immer englisch, wenn du dich schämst?“

“Ach, I don’t care.”

“Nee, Helene, echt, is’ schon viel Interessantes dabei. Da ist also diese 16jährige Mifti, deren Mutter seit drei Jahren tot ist, Mifti, die nicht in die Schule geht, alle möglichen Drogen nimmt, viel halluziniert und reflektiert, rumlabert, vergewaltigt wird, mit ihren älteren Halbgeschwistern zusammenlebt, hin und wieder ihren aufgeblasenen Künstler-Vater anruft und in der 46 Jahre alten Alice einen erotisch aufgeladenen Mutterersatz und schließlich in der 28 also 36 Jahre alten Ophelia einen Ersatz-Ersatz sucht, was auch schief geht, Mifti, die sich zwischendurch einen symbolisch aufgeladenen Axolotl zulegt (Schwanzlurch, wird nicht erwachsen) und am Schluss noch mal Alice trifft. Mir gefällt das zum Lebensgefühl gewordene Misstrauen. Dieses gnostische Fremdsein in der Welt, in der Gesellschaft, im Körper und im eigenen Kopf.“

„Baby, was veranstaltest du denn für Scheiße hier?“

Wir schweigen eine Weile und schauen auf ein Stück Rindfleisch unter der Heizung.

„Aber ist es nicht etwas pietätlos, so zu schreiben, wenn die eigene Mutter wirklich tot ist?“, fange ich das Gespräch wieder an.

„Vater, Mutter, Kind. Warum ist dieses barbarische Familienmodell eigentlich nicht auszurotten?“, giftet Helene ohne rechten Elan.

„Du lenkst ab.“

„Alles in allem ist über mich zu sagen: Diese junge Frau spielt geschmeidig auf der Klaviatur der Elemente wie eine Gazelle mit Panzerfaust.“

„Das ist wieder so ein Satz. Halbdoof, aber auch lustig.“

„Diese sich verselbständigende Altklugheit muss ich mir dringend abtrainieren.“

“Och schade! Gerade die wirkt doch so erfrischend jugendlich. Weniger echt finde ich andere Stellen. Zum Beispiel lesen sich die Sex- und Drogenerlebnisse teilweise ein wenig…”

„Es ist egal, woher ich die Dinge nehme, wichtig ist, wohin ich sie trage.“

„Die Passagen sind also nicht alle von dir?“

„Nein von so nem Blogger.“

„Der Typ, der „Strobo“ geschrieben hat?“

„Airen.“

„Ist der sauer? Oder sagt er: Ich bin nicht sauer, nur enttäuscht?“

„Ich bin nicht so der Drüber-Rede-Typ.“

„Na immerhin hat der Hype um dein Buch auch seinem Buch Bekanntheit verschafft. Amazonranking 168 habe ich eben gesehen. Und Ullstein hat dem Kleinverlag SuKuLTuR ein paar Tausender rüberwachsen lassen. Das hat ja auch was Gutes.“

„Moral ist unintelligent. Sie greift zu kurz. Da ist man einfach zu schnell im Konsens. Das fällt mir jetzt spontan dazu ein.“

„Jaja, und „dein“ und „mein“ sind ohnehin nur bürgerliche Kategorien. Dabei kommt dein Text bestimmt hauptsächlich bei uns Bürgerlichen an. Es gibt ja diese Literaturgattung der „Lebensbeichte“, da können sich dann Oberstudienräte in Pforzheim durchlesen, wie das so ist auf dem Drogenstrich oder als Teilzeithure oder bei der wohlstandsverwahrlosten Jugend in Berlin. Und dann können sie den Kopf schütteln und sagen: Schlimm, schlimm, schlimm. Aber bei dir ärgern sich jetzt bestimmt ein paar Spanner, dass sie das für einen Erlebnisbericht gehalten haben. Ist das nicht ein seltsames Gefühl: Auf der einen Seite schön spießige Erwartungen durchkreuzen, auf der anderen Seite nicht über eigene Erfahrungen sondern aus zweiter Hand schreiben? 

 „Von mir selber ist überhaupt nichts, ich selbst bin schon nicht von mir.“

„Das ist von der Schauspielerin Sophie Rois, stimmt’s?“

„Keine Ahnung.“

„Trotz der Flickschusterei hast du einen eigenen Sound und klingst glaubwürdig verwirrt und angepisst. Deshalb gefällt mir das Buch, trotz aller Schwächen.“

„Ich habe mit zwölf einen ganzen Roman geschrieben, der nur aus Songtexten von Nick Cave zusammengeflickt war.“

„Immerhin Nick Cave und nicht Phil Collins.“

Helene scheint mir gar nicht zuzuhören. Sie starrt vor sich hin und schaukelt mit dem Oberkörper hin und her. Wie für sich selbst sagt sie leise: „Ich bin für den Rest meines Lebens behindert, und niemand kann was dran ändern. Für den Rest meines Lebens kann ich das Verhalten von Selbstmordattentätern nachvollziehen.“

„Tja, jetzt weiß aber keiner mehr, was Show ist und was nicht.“

„Kannst du dir vorstellen, wie megaaggressiv ich bin auf all die pseudoerfahrenen Scheißleute um mich rum, die noch nie mit irgendeiner wirklich ernsthaften Schwierigkeit konfrontiert wurden, außer vielleicht mit einer Rheumaattacke oder Trennungsschmerz?“

„Ja, aber wenn ich dich jetzt ernstnehme, zeigst du mit dem Finger auf mich und lachst mich aus. Das ist schlau, aber auch scheiße und damit schon wieder tragisch.“

„Ich lüge, weil ich eigentlich genau weiß, wonach ich mich sehne.“

„Lass uns über Sex reden.“

„Das ist krass uncool, Mann.“

„Ich habe das Gefühl, dass Sex für dich was Anziehendes und gleichzeitig Fieses ist. Auf der einen Seite sind erstaunlich viele Menschen im Buch scharf auf die zugedröhnte Mifti. Auf der anderen Seite wird Sex immer als brutal und einsam beschrieben.“

„Ich hab ein Problem mit Sex, weil Sex der bedingungslosen Liebe entgegenwirkt, die ich will, und nichts anderes ist als ein egoistischer, tierischer Trieb, der die Menschen, die ich liebe, als fremdgesteuerte Reflexbündel entlarvt.“

„Das würde Bischof Mixa freuen.“

„Dein Körper, der eigentlich nichts mit dir zu tun hat, hat dich besiegt. Manche empfinden das als absolute Erfüllung. Mir macht das aber einfach Angst.“

„Nicht nur dir. Aber vielleicht hast du in zehn Jahren normalen, gleichberechtigten, legalen, auf erfüllter Liebe basierenden Sex.“

„Sex ist ja immer ein gewalttätiger Akt.“

„Bitte Helene, lass das nicht das Schlusswort sein. Hättest du noch was anderes?“

„Wie wär’s damit: Ich persönlich würde mich wirklich freuen, wenn Sie als Publikum etwas Brauchbares finden, das über das Individuell-Psychologische der Autorin hinausgeht.“

Wir schweigen eine Weile. Vermutlich hat auch Helene das Gefühl, dass dieser Abschlusssatz zu glatt ist, zu anbiedernd. Sie steckt sich eine Zigarette an und denkt ein paar Züge lang nach.

„Ich habe dieses Jahr Höchststeuersatz“, sagt sie schließlich und lacht.

Leanne Shapton (Rebecca Casati): Bedeutende Objekte und persönliche Besitzstücke aus der Sammlung von Lenore Doolan und Harold Morris, darunter Bücher, Mode und Schmuck

25. Februar 2010 | von Isa

ShaptonBedeutendeWas für eine Idee! Das Buch kommt daher wie ein Versteigerungskatalog: versteigert werden, wie der Titel schon sagt, persönliche Gegenstände von Lenore Doolan und Harold Morris. Kleidung, Bücher, Stehrümchen, Kulturbeutel, Fotos, Geschirr, Notizbücher, Briefe, Dinge, Kram. Säuberlich durchnummeriert, fotografiert (im Buch schwarz-weiß abgedruckt) und in knappen Worten beschrieben, inklusive der Angaben von Zustand, Größe und Preis.
Diese Gegenstände erzählen die Geschichte von Lenore und Harold. Keine besonders ausgefallene Geschichte: die beiden lernen sich auf einer Halloween-Party bei Freunden kennen, tauschen Mailadressen und fangen eine Beziehung an. Harold ist Fotograf und dauernd unterwegs, Lenore ist Kolumnistin bei der New York Times und schreibt über Kuchen, und nun werden ausgerechnet am Valentinstag all ihre Sachen versteigert, weil die Beziehung zu Ende ist.
Diese ganz alltägliche Geschichte anhand der Besitzstücke dieses Paars zu erzählen, ist eine wirklich großartige Idee. Man bekommt ein ziemlich genaues Bild von den beiden, einfach dadurch, dass all ihre Dinge abgebildet werden. Die Geschichte selbst entsteht vor allem im Kopf des Lesers. Um ihm ein bisschen auf die Sprünge zu helfen, sind relativ viele ausgedruckte E-Mails unter den Sachen (Wegbeschreibungen zur Party und so was, teils aber auch Persönlichere), schriftliche Kürzestgespräche auf der Rückseite von Theaterprogrammen, tagebuchartige Kalendernotizen, und nicht abgeschickte, in Büchern vergessene Briefe. Die meisten der versteigerten Gegenstände tragen aber gar nichts zur Geschichte bei, nur zu dem Bild, das man von den beiden hat. Welche Bücher sie lesen, welche Kleidung sie tragen; es erschließt sich nicht alles, jedenfalls mir nicht, aber es hat ja auch nicht alles, was man besitzt, einen tieferen Sinn. Warum um alles in der Welt Harold zum Beispiel in seinem Kulturbeutel … aber das müsst Ihr selbst lesen. Das ist nämlich ein schönes Buch, sehr speziell und ausgefallen, auch wenn ich mir von der Geschichte doch etwas mehr erhofft hatte.

Leanne Shapton steht im Regal jetzt zwischen Zeruya Shalev und Tom Sharpe.

Kathrin Schmidt: Du stirbst nicht

23. Februar 2010 | von Isa

SchmidtStirbstDer Roman beginnt so:
Es klappert um sie herum. Als ihre Schwester heiratete, hatte die Mutter das Silberbesteck in eine Blechschüssel gelegt, auf eine Alufolie. Heißes Salzwasser darüber. Das saubere Besteck wurde nach einiger Zeit aus der Schüssel genommen und abgetrocknet: Es hatte genauso geklappert. Wer heiratet denn? Sie versucht die Augen zu öffnen. Fehlanzeige. Mehr als Augenöffnen versucht sie nicht. Ist genügsam. Sie kann aber sehr deutlich die Stimme ihrer Mutter hören. Ah, also doch das Besteck! Was sagt ihre Mutter?

In Helene Wesendahls Kopf ist ein Aneurysma geplatzt. Sie wacht im Krankenhaus auf, weiß nicht, was passiert ist, weiß nicht, wer sie ist, wer ihre Familie ist, erinnert sich nicht an ihr bisheriges Leben, kann sich nur höchst eingeschränkt bewegen. Der Buchanfang ist großartig: wie sie aus dem Koma erwacht, keine Ahnung hat, wer und wo sie ist, aber Dinge wahrnimmt, auch Erinnerungsfetzen einbaut und wieder wegnickt. Und wieder aufwacht, sich irgendwelchen Unfug zusammenreimt und wieder wegnickt. Und wieder aufwacht und wieder weiß, wie sie heißt, und dass das, was sie vorher gedacht hat, Unfug war. Das ist großartig gemacht, wie aus vollkommen wirren Gedanken langsam etwas Strukturierteres wird.
Wir begleiten Helene dann bei der Genesung: nach und nach, mit viel therapeutischer Hilfe, kann sie sich immer besser bewegen, aber es geht langsam. Auch die Sprache hat sie verloren, ihr fallen Wörter nicht ein, teilweise hat sie sie im Kopf, aber wenn sie den Mund aufmacht, kommen sie nicht heraus. Auch das wird langsam besser. Und die Erinnerungen kommen auch wieder. An ihren Mann. Die fünf Kinder. Und daran, dass die Ehe am Ende war. Und dass sie sich trennen wollte. Und warum.
Und in diesem Moment macht Kathrin Schmidt ein zweites Fass auf, das so groß ist, dass es, wie ich finde, nicht den gebührenden Raum bekommt. So ein großes Thema wird hier ein bisschen zur Nebensache. Oder nicht zur Nebensache, aber eben auch nicht zur Hauptsache. Vielleicht ist das aber auch nicht schlimm, ich weiß es nicht.
Irgendwie werde ich nicht warm mit diesem Buch. Ich finde es stellenweise etwas zäh, aber das passt eigentlich, denn so eine Genesung ist zäh und mühsam. Es ist toll geschrieben, sie hat einen ganz eigenen Stil, den ich aber eher anerkenne, als dass er mich erreichen würde. Und ich frage mich dauernd zweierlei, nämlich erstens, warum Helene nicht viel mehr hadert, warum sie nicht verzweifelt und heult und wütend ist und traurig und ihr Schicksal verflucht. Sie scheint das alles einfach so zu akzeptieren. Aber vielleicht gehört das ja zum Krankheitsbild. Und zweitens, warum sie ihren Mann so wenig fragt. Der Mann kommt sie jeden Tag besuchen, kümmert sich rührend. Selbst als ihr dann wieder eingefallen ist, warum sie ihn verlassen wollte, aber erst recht vorher, warum fragt sie ihn nicht?
Und dann weiß ich nicht: ist das der Grund, warum mich dieses Buch so sonderbar kalt lässt? Keine Ahnung, ich bin wirklich ein bisschen ratlos. Aber ich lese schon gefühlt seit Wochen daran, und habe jetzt beschlossen, es nicht zu Ende zu lesen. Obwohl das ein gutes Buch ist. Irgendwie. Oder ist es albern, die letzten achtzig Seiten nicht zu lesen? Vielleicht hätte ich dann eine richtige Meinung, statt dieses Herumgeeiers hier.

Im Regal stelle ich Kathrin Schmidt zwischen Arno Schmidt, Harald Schmidt, Jochen Schmidt und, äh, Eric Emanuel Schmitt (geschenkt bekommen, ich schwör).

Schnee

20. Februar 2010 | von Casino

Dieses Buch habe ich gerade zum zweiten Mal gelesen, vor allem wegen des Titels, es könnte ja sein, dass es für immer so weiter schneit.

Schnee ist ein Roman von Orhan Pamuk, übersetzt von Christoph K. Neumann. Der Leser begleitet den den türkischen Dichter Ka, der seit längerem nichts mehr geschrieben hat, auf seiner Reise in ein kleines Dorf weit im Osten der Türkei. Ka ist nach dem Putsch von 1980 für eine Weile nach Deutschland gegangen und kehrt jetzt zum ersten Mal in die Türkei zurück. Nach Kars fährt er aus vielen gleichermassen zeitgenössischen Gründen: Er möchte als Journalist über die religiös motivierten Selbstmorde einiger junger Frauen berichten, er hofft auf ein Wiedersehen mit einer früheren Geliebten und auf ein Wiedersehen mit sich selbst. Er wird nach seiner Ankunft in Kars von allen umworben, als jemand, der weggegangen ist, als jemand, der wiedergekommen ist, als Türke, Dichter und als Europäer. Und als Geliebter.

Ich hatte das Buch eigentlich nur wegen seiner Hauptfigur gekauft, nach einer Lesung von Pamuk, in der Volksbühne 2005 – besitze jetzt eine Signatur von einem Nobelpreisträger!- es gibt ja viel weniger Bücher über Dichter als über andere Autoren.
Wunderbar fand ich gleich am Büchertisch den Einstieg in den Roman, mit der Anreise von Ka, in einem dunklen Bus über dunkle verschneite Straßen, hier die ersten Sätze:

Die Stille des Schnees, dachte der Mann, der gleich hinter dem Busfahrer saß. Er hätte zu dem, was er im Inneren empfand, “die Stille des Schnees” gesagt, wenn dies der Beginn eines Gedichtes wäre.

Pamuk bringt im ersten Kapitel den Dichter, den Schnee und den Erzähler zusammen, der Schnee fällt im ganzen Buch unaufhörlich, auf jeder Seite neu, als wäre er nicht schon auf fast jeder vorangegangenen Seite erwähnt worden, er wird immer wieder beschrieben, so wie man bei echtem Schnee auch immer wieder aus dem Fenster guckt. Und in den ersten 40 Seiten, während man sich an den Schnee gewöhnt, verändert der Autor unmerklich seine Position zum Dichter Ka, er bekommt einen Abstand zu ihm, wird Kommentator, bis der auktoriale Gestus zu einer weiteren Figur verdichtet ist, einem Freund von Ka, der alles schon weiß und als Ich- Erzähler durch das Buch führt – ein gewisser Orhan. Das alles ist ziemlich meisterhaft konstruiert und kommt dabei auf ganz leisen Sohlen, sehr elegant und wirklich schön. “Schnee” hat einen Haufen sehr schöner Sätze.

Ka läuft auf den ersten Seiten mit dem Leser durchs Dorf und redet mit allen,  es wird ein Tanz auf Messers Schneide, Ka muss sich erklären und rechtfertigen, ihm werden dauernd Fragen gestellt, er erschafft beim Reden so ein Bild von sich, weil ihn in Kars niemand einschätzen kann, und weil dort die politische wie religiöse Zugehörigkeit darüber entscheidet, ob Vertrauen und Nähe möglich werden oder nicht. In Kars sind diese beiden Bereiche nichts privates, das befremdet mich, weil ich so tief in einer säkularen Demokratie verwurzelt bin, es befremdet auch die Hauptfigur Ka, der nichts falsch machen möchte und sich in die vielen geforderten Entscheidungen hineinbegibt wie unsereiner grade aufs Eis der Berliner Straßen. Immer wieder wird die Sensibilität und Intelligenz, mit der Ka seine Reise erlebt, von den Bedürfnissen der Dörfler unterlaufen und in Frage gestellt, die dabei auch vor Magie und Gewalt nicht zurückschrecken (dieser Satz gefällt mir, auch wenn er etwas unklar ist) – für den Leser wird daraus eine Art fortlaufender Horizonterweiterung.

Pamuk hat eine große Begabung für klares, analytisches Schreiben. Seine Beobachtungsgabe lässt ihn manchmal etwas kalt erscheinen, weil er die vielen Gründe für alles immer wieder zusammenführt, ohne Partei zu ergreifen, jede Überzeugung, jedes Gefühl hat eine Erklärung, das ist manchmal etwas ermüdend. Ich habe das Pathos ein bisschen vermisst, aber dafür gibt es ja den vielen Schnee in diesem Buch, als wäre das Tiefe und Geheimnisvolle menschlicher Gefühle an den Schnee delegiert worden. Der Schnee hat mich bei der Stange gehalten beim Lesen, man will beim Lesen diese Schneemetapher immer verstehen und deuten, für mich wars am Ende ein Bild für das Verschwinden der Wirklichkeit oder der Wahrheit unter den ganzen Auseinandersetzungen. Der Schnee legt sich auf all die Statements und die vielen politischen Intrigen und Streitgespräche, die man aber als Nichtfachfrau für Islam und Türkei doch mit ziemlichem Gewinn durchlesen kann. Der Dichter findet wieder zum Schreiben in dem Buch, im Schnee, seine Gedichte werden von den Karsianern mit so einem Heißhunger und einem romantischen Respekt vor der Inspiration erwartet, ich denke, weil das lyrische Sprechen für Pamuk nicht parteiisch ist, nicht festlegbar, nicht für den ideologischen Kampf zu missbrauchen, auch seine Figur Ka behält so eine Permeabilität bei all den Positionen, die er bezieht, er bleibt mimetisch, ist nicht konsistent, auch seine Entwicklung ist es nicht. Ich hätte natürlich gern noch ein paar Gedichte gehabt im Buch, wo es doch schon um einen Lyriker geht, aber Pamuk hatte wohl genug an der Backe mit dem Rest des Buches.

Grad komm ich aus dem Kino, habe Shahada gesehen, einen Berlinalefilm von Qurbani, und habe plötzlich auch meine Reserven gegenüber dem Schneebuch besser verstanden. Ich habs jetzt zum 2. Mal gelesen, beim ersten Mal bin ich leicht und schnell durchgerauscht, jetzt hänge ich schon anderthalb Monate drin fest, aber aufhören konnte ich auch nicht damit. Der Film ist sehr besonders, persönlich, sehr nah und fast zärtlich zu seinen Figuren, aber es blieb bei mir so eine innere Barriere vor dem vollen emphatischen Tauchsprung, genau wie bei “Schnee”. Ich glaube, das liegt daran, wie selbstverständlich die Glaubenskonflikte bei Pamuk und in Shahada daherkommen, sie haben für die Betroffenen eine existentielle Wucht, es gibt Tote, im Roman gibt es einen von Fundamentalisten inszenierten Putsch, den der Autor in einem Theater stattfinden lässt, einen Theaterputsch, aber mit echten Toten. Ka muss sich immer wieder rechtfertigen, die Figuren im Buch müssen sich immer wieder ihres Glaubens versichern, die Glaubensfragen scheinen in diesen Biographien wichtiger zu sein und größere Folgen zu haben als Familie oder Beruf. Gleichzeitig gibt es keine richtige oder falsche Haltung, keine Wahrheit, Pamuk weiß das, das macht den ganzen Ernst so grotesk, die Toten so tragisch lächerlich. Ich konnte nicht aufhören zu lesen, weil Pamuks Roman funktioniert, man wird hineingezogen in die Konflikte und kriegt mit, dass sie nicht lösbar sind,  aber diese Verwobenheit von Religion und Person hält mich dann wieder draussen. Darum fällt „Schnee“ in meiner persönlichen Statistik unter die eher widerspenstigen Werke.

Es ärgert mich ein bisschen, dass das hier so ein langer Text geworden ist, aber das war auch ein 500 Seiten-Wälzer! Ich kann das Buch empfehlen, weil es eine große Klarheit hat, im Beschreiben von Menschen, und so nebenbei ein Gefühl für die Konflikte in islamischen Ländern vermittelt, für die tieferen Schichten dieser Konflikte, für deren Unauflösbarkeit, auch dafür, wieviel Leben und Alltag dadrin steckt, also ein Gefühl neben dem Wissen, einen wirklich neuen Zugang.

Toon Tellegen, Axel Scheffler (Illustration), Mirjam Pressler (Übersetzung): Briefe vom Eichhorn an die Ameise

16. Februar 2010 | von Isa

TellegenEichhornLauter Geschichten über Briefe. Und Briefe. Briefe vom Eichhorn an die Ameise, auch wenn gleich der erste ein seltsamer Brief ist. Und vom Elefanten an die Schnecke, mit der er tanzen will, und zwar oben auf ihrem Haus. Er will sich Mühe geben, nicht durchs Dach zu brechen, aber ganz sicher kann man natürlich nie sein. Der Elefant klettert nämlich unglücklicherweise immer wieder auf Sachen, vor allem auf Bäume, und fällt dann runter. Und vom Sperling an die Krähe, die glaubt, dass es immer nur regnen wird und nie wieder aufhören. Und vom Bären an alle, denn er möchte, dass alle ihm eine Torte backen. Überhaupt wird viel Torte gegessen, vor allem vom Bären. Und vom Eichhorn an die Blattlaus, die sich immer so schrecklich schämt. Und vom Pinguin an alle, denn er ist einsam. Und vom Glühwürmchen, das nur entweder glühen oder schreiben kann, an den Nachtfalter. Und wenn jemand nicht weiß, wie man Briefe schreibt, kann er es beim Sperling lernen. Falls es Winter ist, zieht man dem Brief eine warme Jacke an und schickt ihn los. Und natürlich kann man auch seinem Tisch mal einen Brief schreiben, an den denkt man ja sonst viel zu selten.

Insgesamt sind es 26 kleine Geschichtchen, in denen Briefe quer durch die Tierwelt eine Rolle spielen. Geschichten, wie der Klappentext sagt, „von Wünschen und Hoffnungen, von Freundschaft und Fürsorge“. Meistens zwei Seiten lang, höchstens vier, und eine zauberhafter als die andere. Viele wirken wie der Anfang einer Geschichte, man möchte wissen, wie es weitergeht, aber da ist sie schon zu Ende. Und nach nur 90 Seiten ist leider das ganze Buch zu Ende, und dann möchte man erstens sofort jemandem einen Brief schreiben, nur einen kleinen, und zweitens möchte ich alle Bücher kaufen, in denen Axel Scheffler Eichhörnchen gezeichnet hat, und danach wahrscheinlich sein Gesamtwerk. Denn diese Tierzeichnungen sind wirklich, wirklich hinreißend.

Der Sperling räusperte sich und fuhr fort: „Darunter schreibt ihr: ‚Wie geht es dir?’“
Die Tiere schrieben: „Wie geht es dir?“
„Das ist so eine schöne Frage“, sagte der Sperling. „Die dürft ihr nie vergessen. In keinem einzigen Brief. Und darunter schreibt ihr …“

Bei Amazon kann man übrigens ein bisschen reinblättern. (Und dann in der netten, kleinen Buchhandlung um die Ecke kaufen.)

Im Regal stelle ich es neben das ebenfalls von Axel Scheffler illustrierte Büchlein Über das Halten von Eichhörnchen, sobald ich es nachgekauft habe. Meins habe ich nämlich verschenkt. Und das werde ich mit diesem hier sicher auch noch öfter tun.

Joseph Wechsberg, Gerda v. Uslar (Übers.),
Forelle blau und schwarze Trüffel

14. Februar 2010 | von Kaltmamsell

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Natürlich habe ich mich ebenso wie Sie gewundert, dass es sich um eine Übersetzung handelt. Doch als es bereits in der ersten der 17 Geschichten des Buches hieß, der Professor Internist habe im „neunten Distrikt“ Wiens gewohnt, verschwand die Illusion der Originalsprache – auch Anfang des 20. Jahrhunderts, als diese Szene spielt, war Wien in Bezirke unterteilt. Die jemand auf Englisch sehr wahrscheinlich „districts“ nennt. Das ist aber zum Glück die Stelle, die am deutlichsten als Übersetzung auffällt; sonst liest sich die autobiographische Vignetten- und Anekdotensammlung des Herrn Wechsberg wie ein deutsches Original.

Er wäre heute sehr wahrscheinlich ein Foodblogger, der 1907 geborene Herr Wechsberg, noch dazu ein guter. Und so musste ich bei der Lektüre von Forelle blau und schwarze Trüffel (erschienen 1953) sehr an das hoch geschätzte Büchlein von Herrn Paulsen denken. Joseph Wechsberg beginnt bei seiner Kindheit und der großen Abneigung gegen jegliche Nahrungszufuhr, mit der er seinen Eltern damals Sorgen bereitete. Später entdeckte er das Essen zu unserem Glück als Leidenschaft. Und so nahm er mich zunächst mit zu dem sonntagsmittäglich gedeckten Tafeln der besseren Wiener Gesellschaft. Ich zwinkerte Friedrich Torberg zu – der diese Szenen allerdings erheblich derber beschreibt.

Die Speisen seiner Studienorte Prag und Paris sind eigene Kapitel wert, später einzelne Lokale oder Speisen vor allem in Frankreich – immer aufgehängt an persönlichen Erlebnissen und den damit verbundenen Menschen, immer in angenehmstem Plauderton. Joseph Wechsberg nimmt seine sinnliche Wahrnehmung ernst, nicht nur beim Schmecken. Dem entsprechend werden Personen eingeführt, zum Beispiel:

Monsieur Raymond Thuilier war ein freundlicher, schnurrbärtiger Franzose, der aussah, als habe er soeben etwas sehr Angenehmes über sich gehört.

Am besten hat mir das Kapitel über die Bouillabaisse gefallen. Darin schildert Wechsberg, wo er die beste so benannte Fischsuppe seines Lebens gegessen hat: „Auf dem Vorderdeck der ‚Azay-le-Rideau‘ (…), als sie im Mittelmeer kreuzte.“ Zubereitet hatte sie „Étienne-Marcel, der pergamentgesichtige Zimmermann an Bord der ‚Azay-le-Rideau‘.“ Wechberg verdiente sein Geld auf diesem drittklassigen Kreuzfahrtschiff als Bordmusiker. Die sonstige Besatzung bestand aus Griesgramen, die sich in Anstellungen auf Luxusschiffen etwas zuschulden hatten kommen lassen, und nun auf dieser „schwimmenden Teufelsinsel der Gesellschaft“ arbeiten mussten. In vielen Details beschreibt Wechsberg, wie Étienne-Marcel seine Bouillabaisse zubereitete, nicht nur auf dem Schiff, sondern auch in seinem Zuhause in Marseille. Ich hätte sie nach der Lektüre des Kapitels nachkochen können – stünde nicht am Anfang der Zubereitung das Gebot, nicht etwa frischen Fisch zu verwenden, sondern allerfrischesten Fisch, buchstäblich direkt aus dem Meer. München – Meer?

Am ausführlichsten schildert Joseph Wechsberg eine Reise im Südwesten Frankreichs auf der Suche nach dem idealen Trüffelgericht sowie die Reise entlang aller damaligen Drei-Michelin-Stern-Lokale Frankreichs – inklusive Zubereitungsart der Spezialitäten, Beschreibung der Küchen und Nennung der bemerkenswertesten Weine.

Forelle blau und schwarze Trüffel hat mich in eine vergangene Epoche des Reisens und Essens (und der Verwendung des Worts „vorzüglich“) mitgenommen, ich fühlte mich wie in einem amerikanischen Film gleich nach dem Krieg. Nebeneffekt: Ich habe mir ganz fest eine Fressreise durch Frankreich vorgenommen.