Frauenbuchlaunigkeit oder Tragikomik?

25. January 2012 | von Kaltmamsell

Mariana Leky, Die Herrenausstatterin

Fantastische Elemente in Romanen sind schwierig, selbst wenn sie als magic realism konstruiert sind: In einer sonst alltäglichen und realistischen Umgebung rutschen sie leicht ins Niedliche, vor allem in Frauenromanen. Und das ist vermutlich mein Problem mit Die Herrenausstatterin von Mariana Leky. Die Ich-Erzählerin Katja hat ihren Mann verloren, erst an eine andere Frau, kurz darauf an den Tod. Ihre überforderte Psyche fantasiert sich daraufhin zwei Männer herbei, von denen der eine zumindest ein Pendant in der Realität zu haben scheint: Den gepflegte alte Herr Blank, soeben verstorben und nun auf dem Rand ihrer Badewanne sitzend, und den Feuerwehrmann Armin, dessen Auftauchen in ihrer Küche ebenso wenig erklärt wird. Der realism dabei ist, dass sie in ihrem Alltag damit problemlos durchkommt. Das funktioniert erzählerisch nur durch einen gewissen launigen (Sie merken vermutlich, dass ich überdurchschnittlich empfindlich auf deutsche Launigkeit reagiere) Frauenbuchtonfall, der allerdings auf die meisten Leserinnen den Effekt der Tragikomik zu haben scheint – darauf lässt zumindest das Echo in Blogs und Frauenzeitschriften schließen. Zu meinem großen Bedauern funktionierte das bei mir nicht: Mich machte der Roman ratlos – ein interessanter Versuch, die Verarbeitung von menschlichem Leid zu schildern, aber für mich recht beliebig. Ich bin auch bis zum Schluss nicht mit der Erzählerin warm geworden, habe sie nicht zu fassen bekommen. Ihre Wortwahl und Bildlichkeit waren immer wieder unkonventionell genug, um mich bei der Stange zu halten, aber ich bekam kein Gefühl dafür, wer diese Katja eigentlich ist.

Mit ein wenig gutem Willen lasse ich mich von der Herrenausstatterin an Peter S. Beagles A Fine and Private Place erinnern – auch darin helfen Tote einer Frau über einen Verlust hinweg.

Unendliche Weiten – über das Wissen wollen

14. January 2012 | von engl

Das neue Lexikon des Unwissens, Kathrin Passig/Aleks Scholz/Kai Schreiber

Als Kind schon war ich schwer auf drauf, dauernd auf  der Suche nach Lesestoff, koste es, was auch immer. Man mag es an  diesem frühen Bild bereits erkennen. Early Adopter, oder wie nennt man das? The Portrait of the Artist as a Young Addict? Wie auch immer, in jungen Jahren trieb mich die Not zu seltsamen Beschaffungsstrategien. Der Zufall hatte mich in einen Haushalt mit nur wenig Büchern gesperrt, mich gleichzeitig aber als eine Art Leseüberflieger gestaltet, sodass ich die zur Verfügung gestellten  Kinderbilderbücher schnell satt hatte. Möglich ist auch, dass die vielen ungelesenen Sternausgaben, die mir zum Zerfetzen in den Laufstall geworfen wurden, ihren Anteil an dieser fatalen Entwicklung hatten.

Immer wieder sehe ich mich in den folgenden Jahren die elterliche Wohnzimmereichenschrankwand nach Stoff durchforsten, noch unentdeckt und ungelesen. Meist mit wenig Erfolg. Eines der Highlights jedoch, das mir bis heute präsent ist, war ein hellblaues Babybuch, das ursprünglich wohl der Planung und Durchführung der korrekten Aufzucht meiner Person gedient haben muss. So las ich über Flaschenfütterung und Windelwäsche, Stubenwagen und Mittelohrentzündung. Lauter Dinge, denen ich erst knapp entkommen war. Sehr interessant und sicher auch hilfreich. Was ich jedoch nicht endgültig zu beurteilen in der Lage bin, da es inzwischen als sicher anzusehen ist, dass ich dieses Wissen in diesem Leben nicht mehr zur Anwendung bringen werde.

So ist das mit dem Wissen. Meistens weiß man nicht so genau, was man eigentlich damit anfangen soll. Wie und wieso ein Flaschenzug funktioniert. Oder die funktionelle Magnetresonanztomographie. Ob die Dualität durch Luzifer in die Welt gekommen ist, oder ob nicht doch jede Person ein lebendes Medizinrad ist. Und hat die EZB eigentlich die klare Aufgabe, die Finanzmärkte zu stärken? Was ist überhaupt die EZB? Wieso ist die rechte Hirnhälfte für die linke Körperseite zuständig? Warum kriegt der Zitteraal nicht selbst einen Schlag? Und wie viel wiegt wohl ein Kilogramm? Lauter Fragestellungen, die im Zweifel überhaupt nicht interessieren oder aber auf den ersten Blick unsinnig erscheinen. Aber spannend ist es mitunter trotzdem, dieses Wissen wollen. Oder etwa nicht?

Was ist das eigentlich, Wissen? Auch dieser Frage geht das neue Lexikons des Unwissens, das Ende des Jahres bereits auf meinem Bücherstapel gelandet ist, letztendlich nach. Seitdem begleitet es mich mal hierhin, mal dahin, auf die Busstrecke nach Friedrichshain oder in die schnelle Suppenmittagspause um die Ecke. Wo immer ich es gerade wiederfinde, werfe ich einen Blick hinein und lese irgendein Kapitel. Das ist kein Buch, das man durchliest oder gar ausliest, Wissen endet schließlich niemals. Wie das Universum. Obwohl: Endet das Universum nicht vielleicht doch irgendwo. Oder wenigstens irgendwann?

Es handelt sich also um ein Herumwanderbuch, eines zum immer wieder Auf- und Wiederfinden. Ein Buch für zwischendurch und unterwegs, im Grunde das perfekte E-Book. Warum krieg ich das eigentlich nicht auf meinen Kindle? Das schient mir ein Manko zu sein. (Wie ohnehin  E-Book- Formate ein wildes Feld zu sein scheinen.) Außerdem ärgere ich mich im Nachhinein bisschen, dass ich das erste Lexikon des Unwissens zwar einmal kurz in der Hand hatte, dann aber doch nicht mitgenommen habe. Pech!

Übrigens: Angefangen habe ich meine Lektüre natürlich mit dem Kapitel, das der Frage nachgeht, warum Frauen Brüste haben. Denn ungefähr auf diesem Gebiet hatte ich meine sinnlosen Studien ja seinerzeit bereits, mit diesem hellblauen Babybuch, angesetzt.

Frau Langstrumpf?

31. October 2011 | von Kaltmamsell

Keri Hulme, The Bone People

Sie ist stark, sie hat unerschöpflich viel Geld, sie sorgt für sich selbst, sie kommt blendend allein zurecht, sie denkt sich Geschichten und Lieder aus, säuft und raucht wie ein Seemann, und sie wohnt in einem merkwürdigen Haus, das sie selbst gebaut hat: Wenn das Haus nicht auf Neuseeland läge, könnte sie die erwachsene Pipi Langstrumpf sein. Kerewin Holme, die Protagonistin des Romans The Bone People von Keri Hulme, wurde innerhalb weniger Seiten zu meiner liebsten fiktiven Figur. Und der Roman zum Highlight meines Lesejahres.

Wir lernen die Künstlerin Kerewin beim Fischfang kennen (wenn wir mal die merkwürdigen Einleitungsseiten beiseite lassen): Sie jagt mit dem Speer in seichtem Wasser. Doch von Anfang an wird sie von Düsternis belastet geschildert, als gequälte Seele – als wäre beim Übergang von Pipi zu Frau Langstrumpf einiges schief gegangen. Kerewin hat eine besondere Wahrnehmung mit einem hohem Grad von Empathie, ist aber oft gefangen im eigenen Zorn.

Die englische Wikipedia (Achtung Spoiler!) fasst die Handlung des Romans als „an unusual story of love” zusammen. Das trifft es gut. Im Zentrum dieser Geschichte stehen neben Kerewin zwei weitere Figuren: Die eine ist Simon, ein etwa sieben Jahre alter Bub, dürr, mit heller Haut und hellem Haar, stumm, eigensinnig, in sich gefangen und eine gequälte Seele. Die andere ist Joe, sein Ziehvater, dunkel, zugewandt und eine gequälte Seele. Der Roman umfasst in etwa das Jahr ab dem Moment des Zusammentreffens der drei, voll Geselligkeit, Gewalt, Ängsten, Qual.

Hintergrund und Bestandteil der Handlung ist die Maori-Kultur, wundervoll organisch einwoben: Weder spricht aus dem Element eine europäische Idealisierung von Urvölkern / Naturreligion / edlen Wilden, noch liest es sich aufgesetzt. Der Trick ist, dass Hulme statt magic realism zu verwenden auf die Magie der Realität setzt: Zum Beispiel tauchen Heilpflanzen auf, doch sie werden nur en passant erklärt – und nicht nur die Maori nutzen sie, sondern jeder interessierte Einwohner. Es gibt Amulette und Rituale, auch sie durch nüchterne Beschreibungen und Erklärungen geerdet, ohne sie zu entzaubern. Es wird schlicht nachvollziehbar gemacht, warum sie wohl tun können und warum sie manchmal schaden. Lediglich in einem Kapitel ist der Maori-Mythos explizit das Hauptthema und erklärt ihn vordergründig – was es für mich zur schwächsten Passage des Buches machte.
Dialogen sind immer wieder Maori, unübersetzt – und ich entdeckte erst auf den letzten 30 Seiten, dass das Buch am Ende ein Glossar enthält. Machte fürs Verständnis keinen großen Unterschied.

Der Roman erzählt mäandernd, aber insgesamt linear aus der Sicht wechselnder Personen, hauptsächlich der drei Protanisten, aber auch aus der Perspektive von Nebenfiguren. Meist sind die Übergänge nicht markiert, doch es hilft dem Lesefluss, dass die zahlreichen inneren Monologe eingerückt sind.

The Bone People ist eine lange, große, tiefe Geschichte; ich glaube gern, dass Keri Hulme vor der Veröffentlichung 1983 zwölf Jahre daran gearbeitet hat. (1985 wurde der Roman mit dem Booker Prize ausgezeichnet, eine damals sehr umstrittene Wahl, unter anderem weil es sich um einen Erstling handelte). Selten habe ich emotionale Verschlingungen zwischen Menschen so eindrücklich dargestellt gelesen. Bis zu den letzten 50 Seiten war schon so viel zwischen den dreien schief gegangen, dass ich innerlich um ein halbwegs gutes Ende flehte – gleichzeitig aber mit hochgezogenen Schultern auf die völlige Katastrophe gefasst war.

Die Leiden des jungen Werktätigen

27. June 2011 | von Anselm Neft

John Kennedy Toole: A Confederacy of Dunces  (Penguin Books 1983)

Er ist über dreißig und wohnt bei seiner Mutter. Sein Zimmer ist ein Schweinestall, sein Körperumfang und seine Fresslust eine überambitionierte Hommage an Thomas von Aquin. Er donnert in wallenden Flanellhosen und mit einer grünen Jägermütze durch das New Orleans der 60er Jahre und er hasst die Moderne, wobei er den Begriff „Moderne“ weit fast: Mindestens bis in die Renaissance. Er verachtet Protestanten, die Psychoanalyse, Lohnarbeit, Homosexuelle, fremde Völker, Heterosexuelle, das eigene Volk, das Kino, das Fernsehen, die Werbung und sowieso beinahe alles und jeden. Sein von deftiger, hekatombenweise vertilgter Speise strapazierter Pylorus verschließt sich periodisch, seiner Diagnose zufolge als Antwort auf einen entsetzlichen Mangel an „proper geometry and theology in the modern world“, nur um sich dann als Schleuse für gewaltige Winde zu öffnen: Ignatius J. Reilly  – eine Ein-Mann-Armee gegen alles, was sein gottgegebenes Recht auf Ruhe, Müßiggang, Feingeistertum, Kauzigkeit und Völlerei streitig macht.

Wer einen solchen Typen einfach nur doof, langweilig und ekelhaft findet, wird an dem Anfang der 1960er Jahre vollendeten Buch vermutlich wenig Freude haben. Auch sollen bitte solche Literaturfachleute ihre Finger von dem Roman lassen, die U und E so trefflich zu scheiden wissen und Humor für ein Kennzeichen des Trivialen halten, zumal wenn er sich nicht darauf beschränkt „so fein- wie hintersinnig“ zum „Schmunzeln einzuladen aber zugleich nachdenklich zu stimmen“.

Alle anderen sollten zugreifen: Einen derart saftigen Protagonisten in einer derart hanebüchenen und lebensprallen Story bekommt man nur ganz selten geboten. Ignaz J. Reilly verhält sich zu Anti-Helden wie dem Herrn Lehmann oder den Ich-Erzählern der geschätzten Herren Strunk und Schamoni wie eine den Klimawandel herbei flatulierende Büffelherde zu den lauen Lüftchen aus dem Gesäß eines farblosen Molches.

Der Ärger für Ignaz beginnt, als seine besoffene Mutter ihr Auto gegen eine Veranda fährt: 1020 Dollar Schaden. Die Witwenrente reicht nicht: Ignatius muss – trotz fulminanter Proteste – arbeiten gehen. Er verdingt sich als Angestellter bei „Hosen-Levy“, zettelt aus purem Eigennutz einen Aufstand der schwarzen Arbeiter an, findet sich als Würstchenverkäufer im Piratenkostüm wieder,  versucht eine subversive Schwulenpartei für seine Zwecke zu nutzen und landet über den Handel mit pornografischen Bildern im Rotlichtmilieu, wo ihn der winidge Wachmann Angelo Mancuso belauert. Nebenbei versucht er ein Standardwerk über „Die Leiden der jungen Werktätigen“ zu verfassen, liest in den fünf Büchern „de consolatione philosophicae“ seines geschätzten Boethius’ – jenem spätantiken römischen Philosophen und zu Unrecht in einer korrupten römischen Zivilisation verurteilten Christen – und schreibt sich pompöse Briefe mit einer ehemaligen Kommilitonin. Myrna Minkoff (er nennt sie meist „the minx“) scheint das genaue Gegenteil von Ignaz: weltoffen, liberal, feministisch und Beatnik in New York City. Sie konfrontiert ihn mit psychoanalytischen Interpretationen seiner ödipalen Sexualneurose, er bezichtigt sie der Blasphemie und einer dem Zeitgeist geschuldeten Verblödung. Es ist jedoch nicht zu überlesen, dass die beiden sich gegenseitig in ihren Briefen zu beeindrucken und gerade durch das Mittel der Provokation näher kennen zu lernen versuchen. Ihr tatsächliches Wiedersehen ist zugleich komischer und tragischer Höhepunkt dieser menippeischen Satire.  

Neben dem wundervollen Protagonisten und seinen aberwitzigen Konflikten mit Mutter, Minx und Markt liegt der völlig eigenständige Zauber dieses Romans in den vielen durchaus überzeichneten, aber liebevoll und bis in den Dialekt hinein facettenreich dargestellten Charakteren sowie in einer intensiven und detailreichen literarischen Begehung von New Orleans in den Swinging Sixties.

Toole schrieb zwei Bücher in seinem Leben: The Neon Bible im Alter von 16, A Confederacy of Dunces im Alter von 26. Jahrelang wollte kein Verlag die Geschichte um den wilden Ignaz veröffentlichen. Toole erkrankte an Depressionen und Paranoia. Im Alter von 31 Jahren reiste er zum Haus der verstorbenen Autorin Flannery O’ Connor, deren Southern Gothic Fiction er sehr verehrte. Danach tötete er sich durch Autoabgase.

1980 gelang es Thelma Toole, seiner Mutter, das Buch durch Walker Percy in dem kleinen Wissenschaftsverlag Lousiana State University Press veröffentlichen zu lassen. Ein Jahr später gewann es den Pulitzer Preis und wurde ein in 18 Sprachen übersetzter Millionen-Erfolg.

Dumme Schafe

11. May 2011 | von Modeste

Katja Lange-Müller, Böse Schafe, 2007

Vielleicht liegt’s an mir. Vielleicht liegt es daran, dass ich noch nie einen Mann retten wollte, an dem mir etwas lag, denn ich möchte für nichts und niemanden leiden, ich will Annehmlichkeiten und schöne, weiße Pelze und Sahnetorten und einen Mann, der mir morgens und abends sagt, dass ich zauberhaft sei. Vielleicht bin ich deswegen die falsche Leserin für Katja Müller-Langes Roman “Böse Schafe”, der von Soja handelt, die in den Achtzigern aus dem Osten nach Westberlin kommt und sich in den letzten Jahren vor der Grenzöffnung in Harry verliebt, einen Junkie, und dann alles für ihn tut, und er tut nichts für sie.

Mag sein, dass das für manche Leute wie Liebe aussieht. Für mich sieht das wie eine pathologische Koabhängigkeit aus, zumal Frau Müller-Lange den drogenabhängigen und HIV-infizierten Ex-Sträfling Harry mit keinem liebenswerten Zug ausstattet: Harry ist nicht nur auf einer reichlich abschüssigen Bahn ziemlich weit unten angekommen. Harry ist auch ein echter Kotzbrocken, verlogen, vulgär, kriminell wohl nicht nur aus Not, sondern auch aus Neigung, rücksichtslos gegenüber denen, die ihm helfen wollen, undankbar und unverschämt gegenüber Soja und denen, die sie dazu bringt, ihm zur Seite zu stehen. Nicht einmal ein echtes gegenseitiges Gefühl scheint Harry Soja entgegen zu bringen, denn in seinen Aufzeichnungen, die sie Jahre später nach seinem Tod an Aids liest, taucht sie nicht auf.

An keiner Stelle des Buches tut mir Harry leid, der am Ende in einem Hospiz an Aids stirbt. Wie man sich bettet, so liegt man, schießt es mir durch den Kopf, auch wenn das oft ungerecht sein mag, aber hier scheint es hinzukommen. Auch auch für Soja habe ich nichts über, die ihre Empfindung für Harry bis ans Ende der Erzählung nicht hinterfragt. Auch die Schilderung des reichlich räudigen Moabit in der Vorwendezeit mag zutreffend und detailgetreu sein, aber was soll ich mit der Schilderung einer Welt, die mich nicht interessiert. Ein bisschen angeekelt bin ich von diesem Roman, den ich nicht durchgelesen hätte, hätte ich mehr zu Lesen mitgehabt auf einer langen Zugfahrt von Bangkok Richtung Süden, denn das ist die Liebe nicht. Das ist vielleicht nur Dummheit.

Deutsche Nachkriegsgeschichte, bevor Guido Knopp sie erfand

16. March 2011 | von Kaltmamsell

Hans Scholz, Am grünen Strand der Spree

(Antiquarisches Buch in 50er-Arrangement, der Geflügelsalat wird explizit erwähnt.)

Auf Am grünen Strand der Spree brachte mich ein SZ-Artikel zum 100. Geburtstag von Hans Scholz: Nachkriegsberlin als Ort eines Episodenromans von 1955 klang interessant. Und nun verzeichne ich einen neunen Meilenstein in meiner persönlichen Lesegeschichte.

(Warnung: Der Wikipedia-Eintrag gleichen Titels bespricht die Fernsehverfilmung von 1960 und verrät alles.)

Der Rahmen der Handlung ist ein Treffen alter Freunde in einer westberliner Bar der früheren 50er. Der Erzähler ist ein Hans Schott, der den Auftrag hat, den aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrten Hans-Joachim Lepsius aufzumuntern – muss dieser doch nach den Grauen der vorhergegangenen Jahre auch noch das Scheitern seiner Ehe verarbeiten.

In dieser Bar, dem Jockey-Club (unbedingt deutsch auszusprechen), ist die Stimmung zunächst ein wenig steif. Aber schon in dieser Phase erinnerte mich die Art der sprachlichen Launigkeit sehr an Walter Kempowskis Tadellöser & Wolff; im weiteren Verlauf des Romans erklingt dann auch „immerhinque!“. Die Herren haben sich als Programm vorgenommen, einander Geschichten zu erzählen. Lepsius hat die Aufzeichnungen des gemeinsamen Freundes Jürgen Wilms dabei, den er in russischer Gefangenschaft zurücklassen musste. Er liest sie vor: Polnische Naturidylle Ende der 30er wechselt sich mit der Schilderung von Grausamkeiten gegen die örtlichen Juden ab, mit derselben Detailgenauigkeit und Empathie. Unterbrochen werden diese Beschreibungen durch die Briefe der gänzlich dummen und albernen Verlobten von Wilms, die damals gerade in Italien mehrmonatige Ferien mir ihren Eltern machte.

So bitter und ernst aber ist keine der nachfolgenden Geschichten mehr. Immer wieder kehren wir in den Jockey-Club zurück, zu weiteren „Lagen“ White Lady, Henkell trocken, Canadian, Weinbrand. Mit der Stimmung werden auch die Erzählungen heiterer. Fühlte ich mich zunächst an Platons Gastmahl erinnert, entwickelt sich der Abend mehr und mehr zum Dekameron und zu den Canterbury Tales. Wir hören unter anderem von einem deutschen General stationiert in Norwegen an der Grenze zu Finnland (Offizierskasino-Rituale, Freiheitskämpfer, Jagdszenen, väterliche Toleranz), von einer schönen, klugen Frau mit aufregender internationaler Geschichte und ihrer unglücklichen jugendlichen Liebe, vom Besuch des Erzählers beim gemeinsamen Freund Koslowski in der Ostzone wenige Jahre nach dem Krieg, Historisches von den Vorfahren der schönen klugen Frau im 18. Jahrhundert, von der Suche nach einem Gefallenengrab in Kowslowskis Wohnort, und zuletzt – in den frühen Morgenstunden, als die Gesellschaft bereits bei Prärieaustern angekommen ist – eine wilde und platterotische Schelmengeschichte aus einer italienischen Pension.

Die Erzähltechniken unterscheiden sich deutlich, schließlich handelt es sich mal um handschriftliche Aufzeichnungen eines Frontsoldaten, mal um ein Drehbuch-Exposé, mal um Erinnerungen, mal um Fiktion. Die Szenen im Jockey-Club selbst sind meist reine Dialoge, aus denen sich die Handlung indirekt erschließt. Gerade diese Passagen nahmen mich mit in eine vergangene, aber sehr lebendige Welt: Nach Westberlin zwischen Kriegsende und Mauerbau. Die Menschen sind vom Krieg gezeichnet, manche körperlich (Koslowski hat ein Bein verloren, der vorbeischneiende Pianist ein Auge), jeder aber seelisch. Das Wirtschaftswunder ist eindeutig bereits ausgebrochen, doch daran partizipieren beileibe nicht alle.

Am fremdesten und gleichzeitig lebendigsten aber ist die Sprache: Hier spricht eine Generation im ihr ureigenen Jargon – und den bringt niemand zurück, auch nicht ein Guido Knopp, dessen Interviewpartner nur durch den Filter vieler Jahrzehnte erzählen können. Regelmäßig fallen lateinische Zitate, mit fortschreitender Alkoholisierung werden es immer häufiger altgriechische. Sprüche und Ansichten aus der Kaiserzeit werden durch den Kakao gezogen, in den Barszenen schlagen links und rechts One-Liner ein. Ein paar davon habe ich während der Lektüre live getwittert.

Am grünen Strand der Spree ist der einzige Roman, den der emsige Kunsthistoriker und Feuilletonist Hans Scholz veröffentlicht hat. Wie meinte der SZ-Laudator sinngemäß: Damit hatte er wohl alles gesagt, was er dazu zu sagen hatte.

Wiedergelesen: Hermann Hesses “Demian”

2. March 2011 | von Anselm Neft

Als ich „Demian. Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend“ zum ersten Mal las, muss ich siebzehn oder achtzehn Jahre alt gewesen sein. Das Buch gefiel mir. Eingestandenermaßen fand ich mich in dem überlegenen, non-konformistischen Außen- seiter Demian wieder. Unein- gestandenermaßen in dem verklemmten, naiven Bürgersohn Emil. Mir gefiel das okkulte Geraune, die Suche nach dem eigenen Wesenskern und die Idee, dass Licht und Finsternis zu einer Ganzheit versöhnt werden wollen. Trotzdem erschien mir auch irgendetwas an der Novelle zwielichtig, ohne dass ich genau hätte sagen können, was.

Vor ein paar Wochen habe ich den Demian noch einmal gelesen. Vermutlich ging es mir darum, das Hesse-Bashing in meinem Umfeld nicht einfach nach zu plappern, sondern mir anhand zumindest eines Werkes eine eigene Meinung zu bilden. Um das nicht gerade spannende und der eigenen, insgeheim angestrebten Profilierung (Ha, Hesse ist besser als alle sagen, und ich hab’s rausgefunden!) wenig dienliche Ergebnis vorweg zu nehmen: Hesse schreibt wirklich schlecht. Ich habe mich während der Lektüre mehrfach intensiv geschämt: Für Hesse, für mich, für Erwachsene, die Hesse als Lieblingsautor nennen.

Hesse hat „Demian“ im Herbst 1917 als Vierzigjähriger innerhalb von drei Wochen geschrieben. Er benutzte das Pseudonym Emil Sinclair, unter anderem, da er den jugendlichen Stoff unter einem frischen Namen präsentieren wollte. Hermann Hesse galt schon als etabliert.

Im Sinne der vedantisch-hinduistischen Verkündigung ”tat tvam asi” (Hesse neigt hier vermutlich am ehesten der Vishihtadvaita-Interpretation zu) sind alle Personen denen der Icherzähler begegnet zugleich Teile seines Selbst. Die Einzelseele ist die Weltseele, und nur in der Verblendung existiert eine Trennung, vergleichbar mit derjenigen von Eiswürfeln in einem Glas mit Wasser, die ihrer Substanz nach auch nichts als Wasser sind. Trifft Emil also den skrupellosen Kleinkriminellen Kromer, dann trifft er zugleich das „Böse“ in sich. Trifft er auf Demian, so trifft er seinen eigenen inneren Führer. Trifft er auf dessen Mutter Eva, so hat ihn seine jungsche Anima am Wickel.

Um das Ganze noch etwas zu verkomplizieren, gibt es auch noch eine Proto-Anima namens Beatrice (Dante winkt erhaben aus der Ferne) und einen zweiten Psychopompos namens Pistorius. Und am Ende wird es dann vollends mystisch und zugleich multi-erotisch , wenn der im ersten Weltkrieg sterbende Demian dem Ich-Erzähler einen Kuss von Eva aufdrückt.

Wer nun vermutet, dass alle Charaktere außer Emil eindimensional und ohne Entwicklung präsentiert werden, liegt ebenso richtig, wie diejenige, die mutmaßt, dass sich die Novelle konstruiert und obendrein unangenehm autobiographisch liest. Zu diesen erzählerischen Schwächen gesellt sich eine Sprache, die oft Großes und Tiefes behauptet und selten etwas wirklich zeigt und nachvollziehbar macht. Hesses Stil ist geschwätzig, pastoral und neigt zum Sentimentalen. Eine typische Passage: „Ich sah Heimat und Elternhaus, Vater und Mutter, Schwestern und Garten, ich sah mein stilles, heimatliches Schlafzimmer, sah die Schule und den Marktplatz, sah Demian und die Konfirmationsstunden – und alles dies war licht, alles war von Glanz umflossen, alles war wunderbar, göttlich und rein, und alles, alles das hatte – so wusste ich jetzt – noch gestern, noch vor Stunden, mir gehört, auf mich gewartet und war jetzt, erst jetzt in dieser Stunde, versunken und verflucht, gehörte mir nicht mehr, stieß mich aus, sah mit Ekel auf mich! Alles Liebe und Innige, was ich je bis in fernste, goldenste Kindheitsgärten zurück von meinen Eltern erfahren hatte, jeder Kuß der Mutter, jede Weihnacht, jeder fromme, helle Sonntagmorgen daheim, jede Blume im Garten – alles war verwüstet, alles hatte ich mit Füßen getreten!“

Ob ein solcher Stil schon damals wie das Reden eines engagierten, aber nicht sonderlich schlauen Gemeindepfarrers wirkte, oder erst durch die spätere Aneignung eben solcher Gemeindepfarrer in jenen Ruf gekommen ist, weiß ich nicht zu entwirren, möchte aber darauf verweisen, dass Thomas Mann den Demian als Buch von „elektrisierender Wirkung“ lobte, das „mit unheimlicher Genauigkeit den Nerv der Zeit traf“. Es kann vermutet werden, dass „Demian“ in Thema, Erzählstruktur und Stil in seiner Zeit frischer, vielleicht sogar experimentell wirkte.

Trotz der genannten Unerfreulichkeiten kommen Hesse mit Demian auch Verdienste zu: Es wird der Zeitgeist einer Sinnsuche eingefangen: Die Selbsterforschungen der Psychoanalyse und der Tiefenpsychologie als neue Heilsversprechen, importierte Versatzstücke aus Buddhismus und Hinduismus, Ausflüge in eine nur halb verstandene Gnosis, probeweises Aussteigertum am Monte Verità, die Ahnung einer großen Umwälzung, der Vorabend des ersten Weltkriegs, die Götterdämmerung des Bürgertums.

Auch werden existenzielle Fragen behandelt. In welchem Verhältnis stehen Konvention und Moral? Moral und Glück? Glück und Selbstverwirklichung? Wie soll sich der Mensch zum Problem des Bösen positionieren? Auf welche verschlungenen Pfade der Erkenntnis oder Verirrung führt uns unsere Sexualität, die beim Menschen immer mehr ist, als reiner Trieb, nämlich auch ein Schlachtfeld zwischen den Anforderungen der Gesellschaft und den Bedürfnissen des Individuums? Und was ist überhaupt ein Individuum? Gibt es ein wahres, authentisches Selbst, oder handelt es sich dabei um ein ständig in der Konstruktion befindliches Gebilde aus Worten, Gedanken, Taten, Fremd- und Selbstzuschreibungen? Und wenn es dieses wahre Selbst gibt, das schließlich alle Gegensätze in sich vereint, was ist daran noch individuell? Ist es dann nicht längst zu einem Nicht-Ich geworden, zu Wasser, in dem nur die unerlösten, verblendeten Egos noch markant und unterscheidbar als Eiswürfel prangen?

Das sind interessante Fragen, und Hesse erscheint als aufrichtig Suchender, der eigene Erfahrungen verarbeitet. Das Problem sind die Antworten. Sie kommen zu schnell, zu oberflächlich, zu absolut. Sie klingen zu harmoniebedürftig, zu sehr nach Wunschdenken und Esoterik-Workshop. In der Pubertät und ihren Nachwehen mag einem Hesses Demian das Gefühl geben, verstanden zu werden: Die Zerrissenheit, die Suche nach einer dauerhaft tragfähigen Identität, das Misstrauen gegen das Althergebrachte, die Hoffnung auf eine Überwindung aller Gegensätze, gerade im Gebiet der verwirrenden und von Ambivalenzen durchzogenen Sexualität. So ist es zumindest mir gegangen, und Abraxas – der Gott, der gut und böse ist – blieb mir als durchaus sympathische Wesenheit in Erinnerung. In meiner heutigen Sicht hingegen erscheint mir Hesse mit seinem Demian in einer solchen Pubertät weitgehend steckengeblieben.

Wie das Leben weitergeht

27. February 2011 | von engl

Ich war das Kind von Holocaustüberlebenden, Bernice Eisenstein

Es gibt Themen im Leben, die immer wiederkehren. Jeder Mensch hat sie, ob heimlich oder offiziell. Es gibt diese Knackpunkte, auf die trifft man in regelmäßigen Abständen und kaut aufs Neue darauf herum. Eines meiner Themen ist die Frage danach, wie Kinder durch das Leben ihrer Eltern beeinflusst werden.  Das ist nicht besonders originell, damit beschäftigen sich Wissenschaftszweige der unterschiedlichsten Art und die Literatur sowieso.

Familiengeschichten also. Eine ganz außergewöhnliche hat die Kanadierin Bernice Eisenstein geschrieben und gezeichnet. 2007 erschien sie auf Deutsch, inzwischen ist sie auch als Taschenbuch erhältlich, wie ich neulich festgestellt habe. Höchste Zeit, hier endlich einmal etwas dazu zu schreiben.

Was wissen wir in Deutschland noch von jüdischem Leben, von jüdischer Kultur, die hier vor ein paar Jahrzehnten so gnadenlos, so nachhaltig vernichtet wurde? Was wissen wir von dem Davor? Und vor allem, was wissen wir von dem, was danach kam? Überleben hört nicht auf am Tag der Befreiung. Überleben zieht sich durch die Jahre, durch die Leben, es greift durch die Generationen hindurch. Wer darüber lesen will, nehme dieses Buch zu Hand. Denn Lesen hilft verstehen.

Wie die Autorin selber schreibt:

Ich lese, um als Kind von Eltern, die unvorstellbares Leid erlitten haben, alles zu fühlen. Ich lese, um tapfer zu sein und um zu lernen, meinen Weg in einer sich ständig verändernden Welt zu finden.

Und ein bisschen Jiddisch lernen ist auch noch drin. Mehr mag ich gar nicht sagen.

Lob der Faulheit

27. January 2011 | von engl

Anleitung zum Müßiggang, Tom Hodgkinson

Diese elende Welt ist eingeteilt in Leistungsträger und Minderleister, in Sieger und Versager also, in Schwätzer und Schweiger nicht zuletzt. So zumindest scheint es mir in letzter Zeit. Zudem verkommt das Buchstabengepixel im Internet, genau wie auch Edelgedrucktes auf Papier, mehr und mehr zu einer doch recht armseligen Meinungsverkündigung. ICHICHICH, in enge Schleifen gelegt, schließlich muss alles nicht nur einmal, sondern am besten gleich hundertfach irgendwo verewigt sein. Und zwar einzig und allein, weil man es angeblich jetzt endlich wieder darf. Was auch immer damit gemeint sein mag.

Ich bin ratlos, was solcherlei Eifer angeht. Ich bin hilflos, immer wenn es ums Rennen und Siegen geht. Erste sein, vermutlich bin ich dazu zu alt. Eigentlich war ich aber schon immer so. Oberflächlichkeit liegt mir nicht, das haben nicht zuletzt die Bücher mir ausgetrieben. Obwohl Buch noch lange nicht Buch ist, wie wir alle im letzten Jahr schmerzlich lernen durften. Zumindest, was den Sachbuchbereich angeht.

Kein Wunder, dass ein erfolgreiches Buch über Faulheit und Trödelei, über Pausen und andere Zwischenzustände nicht in Deutschland geschrieben werden konnte. Sondern selbstverständlich in England, dem Land der Sonderlinge. Da, wo das Anderseins offensichtlich noch Substanz hat und nicht gleich unbesehen auf den Müll geschaufelt wird.

Tom Hodgkinson ist bekennender Müßiggänger, distanziert sich von jeglicher Beschäftigung der sinnlosen Art, kümmert sich dafür aber intensiv um den Bestand seiner freien, langsamen Stunden. So ist das Buch dann auch in 24 Kapitel eingeteilt, eines für jede Stunde des Tages. Angefangen mit der Qual des Aufwachens geht es im dritten Kapitel bereits um das Liegen bleiben und zur Mittagszeit um die Pflege des am Tag zuvor erworbenen Katers. Später dreht es sich noch um Essen und Trinken, Rauchen und Angeln und um alle nur denkbaren Formen von Schlaf. Hodgkinson rühmt das Denken und Träumen, er schraubt Zitate, eigene Gedanken und historische Gegebenheit in absurder Weise zusammen. Manchmal treibt er das Spiel ein bisschen weit, ein wenig eindimensional auch. So stellt die Erfindung der Glühbirne für ihn einen der größten symbolischen Siege in der Schlacht zwischen Fleiß und Nichtstun dar. (Also eigentlich eher eine Niederlage, fällt mir gerade auf. Das ist dann doch wieder amüsant. ;-)

Des Pudels Kern ist leicht ausgemacht: Hodgkinsons stiller aber stetiger Kampf gilt der Fremdvernichtung seiner Zeit durch sinnfreie Tätigkeit, vor allem natürlich durch Arbeit, die ihm keineswegs natürlich erscheint. Das verstehe ich gut, ich gebe es zu. Ich bin nicht faul, aber eigenwillig. Und ein eigener Wille reicht mitunter, um als Misserfolg gedeutet zu werden. In dieser elenden Welt zählt eben nur, was zählbar ist. Das gilt jedoch in beide Richtungen. Leider verliert der Autor gerne die Existenz einer real existierenden Armut aus den Augen. Seine Ausführungen dazu kommen ein wenig dürftig, beinah bläuäugig daher. Das Credo, man könne immer auch von weniger leben, findet schließlich schnell seine natürliche untere Grenze. Zumindest, was die persönliche Freiheit angeht. Aber sonst? Ein feines englisches Gegenstück zu preußischen Tugenden aller Art.

Hodgkinson ist inzwischen ein gemachter Müßiggänger im Süden Englands, wo dies nicht allzu schwer fällt. Es gibt mehrere Bestseller und ein eigenes Magazin. Das heißt natürlich The Idler und die Schnecke ist Kult, soweit ich weiß.

Am Schnürchen

27. December 2010 | von Modeste

Martin Mosebach, Was davor geschah

Es existiert eine merkwürdige literarische Konvention, menschliche Erlebnisse nur dann für erzählenswert zu halten, wenn sie Personen zustoßen, die sich am äußersten, gefährdeten Rande der Gesellschaft bewegen. Eine Liebesgeschichte zwischen Obdachlosen etwa, ein wenig Sozialrealismus aus dem Arbeitsamt, ungelüftete Zimmer und die Polizei, ganz als würde der lesende Bürger sich und seiner Welt weder Komödie noch Drama zutrauen. Es mag (aber vielleicht irre ich mich) auch ein wenig einfacher sein, über Menschen zu schreiben, die der durchschnittliche Leser, wie man ihn bei Buchhandlungslesungen oder im Theater antrifft, nicht recht kennt. Man merkt dann nicht gleich, wenn die Abbildung der Gegenwart nicht so arg gelungen sein sollte

Spielt eine Liebesgeschichte – nein: deren Vorgeschichte – also einmal unter Menschen, die, ohne direkt gleich im engeren Sinne reich zu sein, wenig finanzielle Sorgen haben, ein offenes Haus im Taunus führen, Gäste in diesem Hause sind, Geschäfte machen und etwas gelangweilt, aber höflich miteinander verheiratet sind, ist man daher angenehm überrascht. Das bürgerliche Liebesleben kommt ja ansonsten immer etwas schlecht weg, so als sei der Spitzensteuersatz zwingend mit erotischer Unerlöstheit verbunden, so dass man schon fast dankbar ist, wenn abseits der ganz trivialen Sphären auch einmal ein Minister a. D. auftritt, ein Unsympath letztlich, aber auch wiederum nicht so verzeichnet, dass er nur noch als Karikatur daherkäme. Auch die Kindergeneration, Leute also zwischen 20 und 30, tauchen auf, die träge, stets etwas benommene Silvi, verheiratet mit dem hoffnungslosen Sohn Hans-Jörg des ehemaligen Ministers, der levantinische Geschäftsmann Salam, das Ehepaar Hopsten und seine Kinder und Gäste, unter ihnen auch der Ich-Erzähler, ein junger Bankangestellter, neu in Frankfurt am Main, und Frau Helga Stolzier, die als eine Art Stilberaterin der Frau Hopsten auftritt, schließlich diejenige Frau einführt, die am Ende den Bankangestellten fragen wird, was denn nun wirklich geschah, bevor man zusammengekommen ist. Viele Zufälle, unspektakulär für sich genommen, kleine, amüsante, sommerliche Geschichten reihen sich wie die Perlen einer Kette aneinander, bis am Ende das Paar sich trifft.

Nahtlos gefügt wie an unsichtbaren Schnüren wechseln die Szenen in angenehm plätscherndem Parlando. Man verliebt sich nicht über Gebühr heftig, man lädt sich ein, man betrügt sich nicht ganz ohne Drama, ein anonym böser Brief trifft ins Schwarze. Am Ende trennen sich zwei Paare, damit sich eins findet, und wenn der Roman endet, hat die Nachtigall gesungen, ein Kakadu hat sich geputzt, ein Baum wurde gefällt, und ganz bar der schrillen Töne fällt der Vorhang unter verdientem Applaus.