Unendliche Weiten – über das Wissen wollen
14. January 2012 | von englDas neue Lexikon des Unwissens, Kathrin Passig/Aleks Scholz/Kai Schreiber
Als Kind schon war ich schwer auf drauf, dauernd auf der Suche nach Lesestoff, koste es, was auch immer. Man mag es an diesem frühen Bild bereits erkennen. Early Adopter, oder wie nennt man das? The Portrait of the Artist as a Young Addict? Wie auch immer, in jungen Jahren trieb mich die Not zu seltsamen Beschaffungsstrategien. Der Zufall hatte mich in einen Haushalt mit nur wenig Büchern gesperrt, mich gleichzeitig aber als eine Art Leseüberflieger gestaltet, sodass ich die zur Verfügung gestellten Kinderbilderbücher schnell satt hatte. Möglich ist auch, dass die vielen ungelesenen Sternausgaben, die mir zum Zerfetzen in den Laufstall geworfen wurden, ihren Anteil an dieser fatalen Entwicklung hatten.
Immer wieder sehe ich mich in den folgenden Jahren die elterliche Wohnzimmereichenschrankwand nach Stoff durchforsten, noch unentdeckt und ungelesen. Meist mit wenig Erfolg. Eines der Highlights jedoch, das mir bis heute präsent ist, war ein hellblaues Babybuch, das ursprünglich wohl der Planung und Durchführung der korrekten Aufzucht meiner Person gedient haben muss. So las ich über Flaschenfütterung und Windelwäsche, Stubenwagen und Mittelohrentzündung. Lauter Dinge, denen ich erst knapp entkommen war. Sehr interessant und sicher auch hilfreich. Was ich jedoch nicht endgültig zu beurteilen in der Lage bin, da es inzwischen als sicher anzusehen ist, dass ich dieses Wissen in diesem Leben nicht mehr zur Anwendung bringen werde.
So ist das mit dem Wissen. Meistens weiß man nicht so genau, was man eigentlich damit anfangen soll. Wie und wieso ein Flaschenzug funktioniert. Oder die funktionelle Magnetresonanztomographie. Ob die Dualität durch Luzifer in die Welt gekommen ist, oder ob nicht doch jede Person ein lebendes Medizinrad ist. Und hat die EZB eigentlich die klare Aufgabe, die Finanzmärkte zu stärken? Was ist überhaupt die EZB? Wieso ist die rechte Hirnhälfte für die linke Körperseite zuständig? Warum kriegt der Zitteraal nicht selbst einen Schlag? Und wie viel wiegt wohl ein Kilogramm? Lauter Fragestellungen, die im Zweifel überhaupt nicht interessieren oder aber auf den ersten Blick unsinnig erscheinen. Aber spannend ist es mitunter trotzdem, dieses Wissen wollen. Oder etwa nicht?
Was ist das eigentlich, Wissen? Auch dieser Frage geht das neue Lexikons des Unwissens, das Ende des Jahres bereits auf meinem Bücherstapel gelandet ist, letztendlich nach. Seitdem begleitet es mich mal hierhin, mal dahin, auf die Busstrecke nach Friedrichshain oder in die schnelle Suppenmittagspause um die Ecke. Wo immer ich es gerade wiederfinde, werfe ich einen Blick hinein und lese irgendein Kapitel. Das ist kein Buch, das man durchliest oder gar ausliest, Wissen endet schließlich niemals. Wie das Universum. Obwohl: Endet das Universum nicht vielleicht doch irgendwo. Oder wenigstens irgendwann?
Es handelt sich also um ein Herumwanderbuch, eines zum immer wieder Auf- und Wiederfinden. Ein Buch für zwischendurch und unterwegs, im Grunde das perfekte E-Book. Warum krieg ich das eigentlich nicht auf meinen Kindle? Das schient mir ein Manko zu sein. (Wie ohnehin E-Book- Formate ein wildes Feld zu sein scheinen.) Außerdem ärgere ich mich im Nachhinein bisschen, dass ich das erste Lexikon des Unwissens zwar einmal kurz in der Hand hatte, dann aber doch nicht mitgenommen habe. Pech!
Übrigens: Angefangen habe ich meine Lektüre natürlich mit dem Kapitel, das der Frage nachgeht, warum Frauen Brüste haben. Denn ungefähr auf diesem Gebiet hatte ich meine sinnlosen Studien ja seinerzeit bereits, mit diesem hellblauen Babybuch, angesetzt.

Es gibt Themen im Leben, die immer wiederkehren. Jeder Mensch hat sie, ob heimlich oder offiziell. Es gibt diese Knackpunkte, auf die trifft man in regelmäßigen Abständen und kaut aufs Neue darauf herum. Eines meiner Themen ist die Frage danach, wie Kinder durch das Leben ihrer Eltern beeinflusst werden. Das ist nicht besonders originell, damit beschäftigen sich Wissenschaftszweige der unterschiedlichsten Art und die Literatur sowieso.
Diese elende Welt ist eingeteilt in Leistungsträger und Minderleister, in Sieger und Versager also, in Schwätzer und Schweiger nicht zuletzt. So zumindest scheint es mir in letzter Zeit. Zudem verkommt das Buchstabengepixel im Internet, genau wie auch Edelgedrucktes auf Papier, mehr und mehr zu einer doch recht armseligen Meinungsverkündigung. ICHICHICH, in enge Schleifen gelegt, schließlich muss alles nicht nur einmal, sondern am besten gleich hundertfach irgendwo verewigt sein. Und zwar einzig und allein, weil man es angeblich jetzt endlich wieder darf. Was auch immer damit gemeint sein mag.
Jeder kennt das. Lesen oder nicht lesen, das ist häufig die Frage. Denn Lesezeit ist Lebenszeit. Und Lesen braucht viel Zeit, mitunter. Besonders, wenn man lesen muss. Aber muss man? Wirklich?
Ich tue mich ja grundsätzlich schwer mit Büchern, auf denen hinten – also außen – schon draufsteht, dass sie angeblich irgendetwas mit einer bestimmten Generation zu tun haben sollen. Zumal es sich natürlich nie um meine Generation handelt, über die wird schon lange nicht mehr geschrieben. Falls überhaupt jemals über sie geschrieben wurde. Wenn außerdem noch Schlagworte wie Zeitgeist oder Lebensgefühl hinzukommen, dann war’s das für mich. Normalerweise.
Es gibt Bücher, an denen man scheitert. Es gibt sogar solche, denen man in Vorfeld schon ansieht, dass man an ihnen scheitern wird. Diese Bücher nehme ich vorsichtshalber gar nicht erst in die Hand. Deshalb gehöre ich zu den zweifellos vielen Menschen, die Proust bislang nicht angefasst haben. Geschweige denn gelesen. Und ich werde es in diesem Leben vermutlich auch nicht mehr tun.
Eines Tages entdeckt