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	<title>Common Reader &#187; ab 2000</title>
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		<title>Post-Gastarbeiter-Literatur</title>
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		<pubDate>Sun, 11 Mar 2012 08:43:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Kaltmamsell</dc:creator>
				<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>
		<category><![CDATA[ab 2000]]></category>

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		<description><![CDATA[Pia Ziefle, Suna Pia Ziefle kenne ich aus dem Internet, als Blogautorin und als Kommentatorin in meinem Blog. So wusste ich schon lange, dass Abstammung aus verschiedenen Kulturen sie beschäftigt. Jetzt ist aus dieser Beschäftigung ein Roman geworden, der wohl das Dichteste, Kräftigste und Kunstfertigste ist, was ich seit Langem an deutscher Literatur gelesen habe. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://common-reader.de/wordpress/wp-content/uploads/2012/03/120311_Suna.jpg"><img src="http://common-reader.de/wordpress/wp-content/uploads/2012/03/120311_Suna-225x300.jpg" alt="" title="120311_Suna" width="225" height="300" class="alignleft size-medium wp-image-912" /></a></p>
<p>Pia Ziefle, <i>Suna</i></p>
<p>Pia Ziefle kenne ich aus dem Internet, als <a href="http://www.denkding.de/" target="_blank">Blogautorin</a> und als Kommentatorin in meinem Blog. So wusste ich schon lange, dass Abstammung aus verschiedenen Kulturen sie beschäftigt. Jetzt ist aus dieser Beschäftigung ein Roman geworden, der wohl das Dichteste, Kräftigste und Kunstfertigste ist, was ich seit Langem an deutscher Literatur gelesen habe.</p>
<p>Westliche Literatur, die aus einer Geschichte von Migration und Mischung verschiedener Historien und Kulturen entsteht, kenne ich aus Großbritannien: Dort hat <i>postcolonial literature</i> seit Jahrzehnten eine auch literaturwissenschaftlich erfasste eigene Tradition.  Beispiele reichen von Doris Lessing über die Bücher von Salman Rushdie bis zu Andrea Levy, <i>Small Island</i>. Das Pendant in Deutschland beginnt sich gerade erst zu bilden, ich nennen es testweise Einwandererliteratur. (Ist eine Germanistin im Raum, die mir den Stand der Forschung berichten kann und ob es vielleicht schon einen üblichen Terminus gibt?) Und Pia Ziefles <i>Suna</i> beweist aufs Großartigste, wie groß die literarische Lücke ist, die durch dieses Genre gefüllt werden muss.</p>
<p>Die deutsche Gesellschaft und vor allem die Politik haben sich viele Jahrzehnte lang dem Umstand verweigert, dass Deutschland ein Einwanderungsland war und ist. Die Konsequenzen dieser Verweigerung baden wir gerade aus und werden es noch lange tun. Die literarische Verarbeitung dieser gesellschaftlichen Wirklichkeit ist sicher nicht der schlechteste Weg, die Komplexität der deutschen Einwanderungsgeschichte sichtbar zu machen.</p>
<p><i>Suna</i> tut das auf ganz individuelle Art. Die Hauptperson und Erzählstimme, Luisa, erzählt ihre höchst besondere Geschichte. Sie ist einerseits nicht denkbar ohne die Ereignisse im Nachkriegsdeutschland, andererseits aber überhaupt nicht repräsentativ für eine Generation oder auch nur beispielhaft für eine Gruppe von Menschen &#8211; und macht dadurch die Vielfalt von Auswirkungen erlebbar. In den sieben Nächten vor ihrer Reise in den Heimatort ihres leiblichen türkischen Vaters erzählt Luisa ihrer kleinen Tochter die Geschichte ihrer Vorfahren, einschließlich ihrer selbst. Luisa ist eine gequälte Seele, die nicht nur die eigenen Narben einer Aufgabe durch die leiblichen Mutter und der Zerrissenheit zwischen verschiedenen Familien trägt, sondern auch die Last ihrer Vorfahren: Der jugoslawischen Seite mit Armut und Existenzkampf bis hin zum Bürgerkrieg. Der türkischen mit Entwurzelung, Enttäuschungen und Abfinden mit Unausweichlichem. Der deutschen Adoptivfamilie, gelähmt vom Trauma des Zweiten Weltkriegs, den Gräueln und der Schuld.</p>
<p>Mir wurde überraschend klar, wie eng deutsche Kriegserlebnisse und Vertreibung mit der Gastarbeiterzeit verwoben sind. Dabei hätte mich das eigentlich nicht wundern sollen, denn mein spanischer Gastarbeitervater hat die 1945 geborene Tochter einer polnischen Zwangsarbeiterin geheiratet, sein bester Freund, ebenfalls Gastarbeiter aus Spanien, eine Vertriebenentochter aus Schlesien. Dennoch ist mir erst durch <i>Suna</i> bewusst geworden, dass es keine Generation dazwischen gab, dass die Einwanderer der 60er und 70er Jahre in Deutschland auf Menschen trafen, die durchwegs vom Krieg traumatisiert waren. (Dabei hatte mir mein Vater doch noch erzählt, wie seine ersten deutschen Kollegen in der Nürnberger Fabrik ihm den Tipp gaben, sich gegen die Kälte mit Zeitungswickeln unter der Hose zu wappnen &#8211; das hatten sie im Krieg in Russland gelernt.)</p>
<p>Die Erinnerungen der Erzählerin in <i>Suna</i> sind dicht und reich. Kapitelweise und darin abschnittsweise wechselt die Szene, wechselt die Zeit. Verschiedene chronologische Erzählstränge greifen die Geschichten von deutschen Adoptiveltern, von jugoslawischer Mutter auf und vom türkischen Vater. Dazu kommt Luisas Geschichte ab dem Moment eigener Erinnerungen &#8211; je älter und bewusster Luisa wird, desto größeren Raum nimmt ihr Leben in der Erzählung ein. Am Ende des Romans haben alle Erzählstränge zueinander gefunden und verknüpfen sich. Die große Begegnung aber bleibt ausgespart, wir bekommen glücklicherweise keine Erlösung oder Heilung geliefert.</p>
<p>Die sprachlichen Mittel wechseln dabei ebenso reich je nach Zeit und Szene, setzen den Tonfall und die Stimmung. Meist wird sehr mündlich und leicht erzählt, doch es scheinen Märchenwendungen auf (der Rahmen der sieben Nächte lässt ohnehin Sheherazade anklingen), andere Passagen bestehen aus innerem Monolog und fast freier Assoziation.</p>
<p>Ich bin mir nicht sicher, ob der Klappentext die richtigen Leser anspricht: „Was alles aus Liebe geschieht &#8211; eine deutsch-türkisch-jugoslawische Familiengeschichte“ &#8211; der Roman ist so groß und wichtig, dass er dringend in die Feuilletons der großen Tageszeitungen gehört (<a href="http://www.perlentaucher.de/autoren/7631/Gustav_Seibt.html" target="_blank">Herr Seibt</a>?).</p>
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		<title>das leben als album</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Feb 2012 13:23:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Casino</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kunstbücher]]></category>
		<category><![CDATA[ab 2000]]></category>

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		<description><![CDATA[Nicolaus Schmidt: facebook:friends, Kerber-Verlag 2012 letzte woche war ich auf einer finissage und habe mich dort im vorgestellten buch festgelesen. ich habe keines, weil ich mich nicht getraut habe, den autoren (friend of mine) um eines zu bitten, außerdem soll man ja grade die bücher von freunden unbedingt kaufen, aber das war mir dann zu [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nicolaus Schmidt: facebook:friends, Kerber-Verlag 2012 </p>
<p><a href="http://common-reader.de/wordpress/wp-content/uploads/2012/02/facebook-friends.jpg"><img src="http://common-reader.de/wordpress/wp-content/uploads/2012/02/facebook-friends.jpg" alt="" title="facebook-friends" width="300" height="300" class="alignleft size-full wp-image-897" /></a> letzte woche war ich auf einer finissage und habe mich dort im vorgestellten buch festgelesen. ich habe keines, weil ich mich nicht getraut habe, den autoren (friend of mine) um eines zu bitten, außerdem soll man ja grade die bücher von freunden unbedingt kaufen, aber das war mir dann zu komplex als interaktion. nicolaus schmidt hat für sein neues buch die profilbilder seiner facebookfreunde durchgesehen und eine auswahl davon als buntes und überraschendes kaleidoskop veröffentlicht, es sind dabei alben der unterschiedlichsten personen zusammengekommen. er hat einige dieser freunde auch über deren fb-nutzung ausgefragt, in den texten werden die möglichen umgangsarten mit dem monsternetzwerk nochmal gespiegelt, es geht von &#8220;weil alle es machen&#8221; bis zu &#8220;facebook ist mein leben&#8221;.<br />
ich hab in der auswahl von nicolaus einen hauptunterschied zwischen älteren und jüngeren nutzern gesehen: das leben der jüngeren findet direkt auf facebook statt, es passiert dort, jetzt grade, es wird nicht mehr erzählt wie von uns, den eher traditionelleren vernetzten. wir leben außerhalb von facebook, nehme ich mal an, dort landen spuren von veranstaltungen, reisen, filmen oder büchern/texten, an denen wir teilgenommen haben, ganz klar mit einem chronologischen aspekt, postkarten von der reise durchs soziale leben, höchstens noch marketinghilfe für events jeder art, mit diesen einladungen und dem ewigen <em>kommst du? kommst du?</em>- gefrage wie bei kindergeburtstagen.</p>
<p>die anderen, die fb-natives sind auch mit leichter hand ausgewählt, die bilder total anders, es sind behauptungen, kostümierungen, fließende bunte einzelteile, die wenig von der welt zeigen, sie sind alle teil eines selbstentwurfs, denn man muss/darf, whatever, sich ja inzwischen selber entwerfen, designen. ob es diese person im realen leben wirklich gibt, ist nicht mehr interessant, die bilder zeigen alles wesentliche, sie sind ein lautes ich bin. die inszenierung ist nicht mehr nur maske, sie scheint weit unter die haut gerutscht und soll mit dem kern identisch werden, mit dem armen kleinen ego, das bei uns allen irgendwo unter der schale sitzt. wie christoph meckel es einmal so trefflich beschrieben hat: &#8220;Ich seh dich /schön verwandelt in den Traum von dir –/ aber du, in der Zeit, verletzlich, verführbar/ zitternd vor Verlangen, angstvoll, sprachlos&#8221;.</p>
<p>die erste zeile des zitierten gedichts, aus &#8220;Souterrain&#8221; passt genauso, zur gegenwart und zu dieser alben-auswahl im buch, sie lautet: &#8220;Immer mehr Verlangen nach <em>facilité</em>&#8220;, da kann man ja nur jaja brüllen, laut. </p>
<p>zurück zum buch: wenn ich mir diese ausgewählten fotos der natives anschaue, dann brauche ich keine fragen mehr stellen, es ist alles gesagt, die wirklichen personen dahinter sind nicht relevant, es sind alles wysiwyg-figuren. sie haben eine ganz eigene konsistenz, bisschen dorian gray, bisschen kunstwerk, oder ist das jetzt zu psycho? well, maybe. ich finde den gedanken total faszinierend, ich bin einfach noch nicht drauf gekommen: was, wenn es tatsächlich genügt, sich ein anderes leben einfach zu entwerfen? wenn man es gar nicht wirklich leben muss? das ist doch schon verlockend.</p>
<p>facebook : friends zeigt jedenfalls viel mehr, als ich dachte, als ich zuerst davon gelesen habe – natürlich in einer facebook-einladung. es ist ein schönes kaffetisch-buch für alle leute, die sonst nicht immer im netz hängen, aber wissen wollen, wie das alles so ist. oder für die, die wünschen, das etwas bleiben möge von all dem gewirbel.</p>
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		<title>schoßgebete, gelesen bis s. 172</title>
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		<pubDate>Sun, 05 Feb 2012 10:29:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Casino</dc:creator>
				<category><![CDATA[ab 2000]]></category>

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		<description><![CDATA[ich wollte ein buch kaufen für eine geburtstagsparty und habe im wunderbaren buchreigen gleich noch ein paar andere mitgenommen. neugierig roches schoßgebete angefangen, hauptsächlich wegen dem sex am anfang des buches ehrlichgesagt, sie schreibt wirklich gut, es ist schlicht und nur ein bisschen erschreckend in seiner ausführlichkeit, ich denke dann, okay, man denkt so vor [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://common-reader.de/wordpress/wp-content/uploads/2012/02/schoßgebete.jpg"><img src="http://common-reader.de/wordpress/wp-content/uploads/2012/02/schoßgebete-264x300.jpg" alt="" title="Schossgebete" width="264" height="300" class="alignleft size-medium wp-image-888" /></a>ich wollte ein buch kaufen für eine geburtstagsparty und habe im wunderbaren <a href="http://buchreigen.de/" target="_blank">buchreigen</a> gleich noch ein paar andere mitgenommen. neugierig roches schoßgebete angefangen, hauptsächlich wegen dem sex am anfang des buches ehrlichgesagt, sie schreibt wirklich gut, es ist schlicht und nur ein bisschen erschreckend in seiner ausführlichkeit, ich denke dann, okay, man denkt so vor sich hin bei diesen und anderen sozialen interaktionen, aber <em>so</em> denke ich nicht, das kenne ich nicht, also jetzt nicht inhaltlich, sondern stilistisch, der duktus, das herzlose, und lese dann so angenehm interessiert vor mich hin, bis ich dann nachts nach der party an die stelle mit dem unfall komme, der über seiten und seiten nicht mehr aufhört. ich war vollkommen wehrlos und ich hatte keine kritiken gelesen, schon die über feuchtgebiete nicht, weil ich das thema einfach nicht so interessant fand, hätte ich mal, und dann lag es da im laden für nur 8,50 &#8211; nimmt man mit, klar. </p>
<p>im nachhinein lese ich diese detailversessenheit, ihren blick auf jede falte, jedes haar, diesen ganzen stream als versuch, den tod vollzutexten, bis er verschwindet, zumindest aus der gegenwart.</p>
<p>ich hab das buch in der nacht sehr angerührt sehr weit weggelegt, es ist vom bett gefallen dabei, jetzt grad bei einem hundespaziergang versucht, dieses gehtnicht quasi einzunorden – es gibt viele viele tausend mütter und geschwister, die in kriegen, nach attentaten oder eben unfällen mitten durchgeschnitten werden durch den tod der kinder, das solltest du als leserin aushalten können, das gehört in den bildungshorizont, das leiden, aber es fällt mir zu schwer. ich kriege diese berührung nicht richtig ab, wenn ich das buch zumache, weil es wirklich passiert ist, es geht nicht mehr weg in all seinen details. ein notwendiges buch für die autorin, aber ich habe nicht verstanden, warum ich mich da so hineinwerfen lassen soll. mal gucken, ob ich es noch weiterlese. was soll ich mitnehmen als leserin? (natürlich außer ihrem vollkommen gerechtfertigten hass auf diese arschlöcher der bildzeitung, klar, der ist notwendig.) ich aka der rest der welt soll auch leiden, kann ich verstehen, es ist alles unfassbar entsetzlich, was da passiert ist, sinnlos, zuviel für eine seele. man erfährt die muster der auseinandersetzung mit trauer, die kleinen heilungsvorgänge, die zwänge, die rückfälle, die ganze absurde unausweichbarkeit, aber das handwerklich tolle, das sehr gut geschriebene, dass ich erkenne und wahrnehme, das hilft mir nicht über den inhalt hinweg, den ich schlicht nicht aushalten mag. kann. nicht muss. wenn ich das buch richtig durchlese, wie es gemeint ist, also mit der ich-erzählerin identifiziert, dann benötige ich als leserin mit jeder menge weichteilen danach selber hilfe, eine art supervision, vermutlich ein nächstes buch der autorin, um aus diesem leben wieder herauszufinden. aber ich mag ihre hommage an den körper als das einzige, was wir sicher haben.</p>
<p>trotzdem: i prefer not to.</p>
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		<title>Frauenbuchlaunigkeit oder Tragikomik?</title>
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		<pubDate>Wed, 25 Jan 2012 09:31:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Kaltmamsell</dc:creator>
				<category><![CDATA[ab 2000]]></category>

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		<description><![CDATA[Mariana Leky, Die Herrenausstatterin Fantastische Elemente in Romanen sind schwierig, selbst wenn sie als magic realism konstruiert sind: In einer sonst alltäglichen und realistischen Umgebung rutschen sie leicht ins Niedliche, vor allem in Frauenromanen. Und das ist vermutlich mein Problem mit Die Herrenausstatterin von Mariana Leky. Die Ich-Erzählerin Katja hat ihren Mann verloren, erst an [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mariana Leky, <i>Die Herrenausstatterin</i></p>
<p><a href="http://common-reader.de/wordpress/wp-content/uploads/2012/01/Herrenausstatterin.jpg"><img src="http://common-reader.de/wordpress/wp-content/uploads/2012/01/Herrenausstatterin.jpg" alt="" title="Herrenausstatterin" width="300" height="268" class="alignleft size-full wp-image-881" /></a></p>
<p>Fantastische Elemente in Romanen sind schwierig, selbst wenn sie als <i>magic realism</i> konstruiert sind: In einer sonst alltäglichen und realistischen Umgebung rutschen sie leicht ins Niedliche, vor allem in Frauenromanen. Und das ist vermutlich mein Problem mit <i>Die Herrenausstatterin</i> von Mariana Leky. Die Ich-Erzählerin Katja hat ihren Mann verloren, erst an eine andere Frau, kurz darauf an den Tod. Ihre überforderte Psyche fantasiert sich daraufhin zwei Männer herbei, von denen der eine zumindest ein Pendant in der Realität zu haben scheint: Den gepflegte alte Herr Blank, soeben verstorben und nun auf dem Rand ihrer Badewanne sitzend, und den Feuerwehrmann Armin, dessen Auftauchen in ihrer Küche ebenso wenig erklärt wird. Der <i>realism</i> dabei ist, dass sie in ihrem Alltag damit problemlos durchkommt. Das funktioniert erzählerisch nur durch einen gewissen launigen (Sie merken vermutlich, dass ich überdurchschnittlich empfindlich auf deutsche Launigkeit reagiere) Frauenbuchtonfall, der allerdings auf die meisten Leserinnen den Effekt der Tragikomik zu haben scheint – darauf lässt zumindest das Echo in Blogs und Frauenzeitschriften schließen. Zu meinem großen Bedauern funktionierte das bei mir nicht: Mich machte der Roman ratlos – ein interessanter Versuch, die Verarbeitung von menschlichem Leid zu schildern, aber für mich recht beliebig. Ich bin auch bis zum Schluss nicht mit der Erzählerin warm geworden, habe sie nicht zu fassen bekommen. Ihre Wortwahl und Bildlichkeit waren immer wieder unkonventionell genug, um mich bei der Stange zu halten, aber ich bekam kein Gefühl dafür, wer diese Katja eigentlich ist.</p>
<p>Mit ein wenig gutem Willen lasse ich mich von der <i>Herrenausstatterin</i> an Peter S. Beagles <i>A Fine and Private Place</i> erinnern – auch darin helfen Tote einer Frau über einen Verlust hinweg.</p>
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		<title>Dumme Schafe</title>
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		<pubDate>Wed, 11 May 2011 19:44:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Modeste</dc:creator>
				<category><![CDATA[ab 2000]]></category>

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		<description><![CDATA[Katja Lange-Müller, Böse Schafe, 2007 Vielleicht liegt&#8217;s an mir. Vielleicht liegt es daran, dass ich noch nie einen Mann retten wollte, an dem mir etwas lag, denn ich möchte für nichts und niemanden leiden, ich will Annehmlichkeiten und schöne, weiße Pelze und Sahnetorten und einen Mann, der mir morgens und abends sagt, dass ich zauberhaft [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://common-reader.de/wordpress/wp-content/uploads/2011/05/41dFLZKSVJL._SL500_AA300_.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-819" title="41dFLZKSVJL._SL500_AA300_" src="http://common-reader.de/wordpress/wp-content/uploads/2011/05/41dFLZKSVJL._SL500_AA300_.jpg" alt="" width="300" height="300" /></a><em><strong>Katja Lange-Müller, Böse Schafe, 2007</strong></em></p>
<p>Vielleicht liegt&#8217;s an mir. Vielleicht liegt es daran, dass ich noch nie einen Mann retten wollte, an dem mir etwas lag, denn ich möchte für nichts und niemanden leiden, ich will Annehmlichkeiten und <a href="http://modeste.twoday.net/stories/5303060/">schöne, weiße Pelze</a> und Sahnetorten und einen Mann, der mir morgens und abends sagt, dass ich zauberhaft sei. Vielleicht bin ich deswegen die falsche Leserin für Katja Müller-Langes Roman &#8220;Böse Schafe&#8221;, der von Soja handelt, die in den Achtzigern aus dem Osten nach Westberlin kommt und sich in den letzten Jahren vor der Grenzöffnung in Harry verliebt, einen Junkie, und dann alles für ihn tut, und er tut nichts für sie.</p>
<p>Mag sein, dass das für manche Leute wie Liebe aussieht. Für mich sieht das wie eine pathologische Koabhängigkeit aus, zumal Frau Müller-Lange den drogenabhängigen und HIV-infizierten Ex-Sträfling Harry mit keinem liebenswerten Zug ausstattet: Harry ist nicht nur auf einer reichlich abschüssigen Bahn ziemlich weit unten angekommen. Harry ist auch ein echter Kotzbrocken, verlogen, vulgär, kriminell wohl nicht nur aus Not, sondern auch aus Neigung, rücksichtslos gegenüber denen, die ihm helfen wollen, undankbar und unverschämt gegenüber Soja und denen, die sie dazu bringt, ihm zur Seite zu stehen. Nicht einmal ein echtes gegenseitiges Gefühl scheint Harry Soja entgegen zu bringen, denn in seinen Aufzeichnungen, die sie Jahre später nach seinem Tod an Aids liest, taucht sie nicht auf.</p>
<p>An keiner Stelle des Buches tut mir Harry leid, der am Ende in einem Hospiz an Aids stirbt. Wie man sich bettet, so liegt man, schießt es mir durch den Kopf, auch wenn das oft ungerecht sein mag, aber hier scheint es hinzukommen. Auch auch für Soja habe ich nichts über, die ihre Empfindung für Harry bis ans Ende der Erzählung nicht hinterfragt. Auch die Schilderung des reichlich räudigen Moabit in der Vorwendezeit mag zutreffend und detailgetreu sein, aber was soll ich mit der Schilderung einer Welt, die mich nicht interessiert. Ein bisschen angeekelt bin ich von diesem Roman, den ich nicht durchgelesen hätte, hätte ich mehr zu Lesen mitgehabt auf einer langen Zugfahrt von Bangkok Richtung Süden, denn das ist die Liebe nicht. Das ist vielleicht nur Dummheit.</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Wie das Leben weitergeht</title>
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		<pubDate>Sun, 27 Feb 2011 12:55:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>engl</dc:creator>
				<category><![CDATA[ab 2000]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich war das Kind von Holocaustüberlebenden, Bernice Eisenstein Es gibt Themen im Leben, die immer wiederkehren. Jeder Mensch hat sie, ob heimlich oder offiziell. Es gibt diese Knackpunkte, auf die trifft man in regelmäßigen Abständen und kaut aufs Neue darauf herum. Eines meiner Themen ist die Frage danach, wie Kinder durch das Leben ihrer Eltern [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Ich war das Kind von Holocaustüberlebenden, Bernice Eisenstein</em></p>
<p><img class="alignleft size-medium wp-image-787" title="bernice_eisenstein_ich_war_das_kind_von_holocaust_ueberlebenden" src="http://common-reader.de/wordpress/wp-content/uploads/2011/02/bernice_eisenstein_ich_war_das_kind_von_holocaust_ueberlebenden-230x300.jpg" alt="" width="230" height="300" />Es gibt Themen im Leben, die immer wiederkehren. Jeder Mensch hat sie, ob heimlich oder offiziell. Es gibt diese Knackpunkte, auf die trifft man in regelmäßigen Abständen und kaut aufs Neue darauf herum. Eines meiner Themen ist die Frage danach, wie Kinder durch das Leben ihrer Eltern beeinflusst werden.  Das ist nicht besonders originell, damit beschäftigen sich Wissenschaftszweige der unterschiedlichsten Art und die Literatur sowieso.</p>
<p>Familiengeschichten also. Eine ganz außergewöhnliche hat die Kanadierin <a href="http://www.berlinverlag.de/autor/autorDetails.asp?autorID=607">Bernice Eisenstein</a> geschrieben und gezeichnet. 2007 erschien sie auf Deutsch, inzwischen ist sie auch als Taschenbuch erhältlich, wie ich neulich festgestellt habe. Höchste Zeit, hier endlich einmal etwas dazu zu schreiben.</p>
<p>Was wissen wir in Deutschland noch von jüdischem Leben, von jüdischer Kultur, die hier vor ein paar Jahrzehnten so gnadenlos, so nachhaltig vernichtet wurde? Was wissen wir von dem Davor? Und vor allem, was wissen wir von dem, was danach kam? Überleben hört nicht auf am Tag der Befreiung. Überleben zieht sich durch die Jahre, durch die Leben, es greift durch die Generationen hindurch. Wer darüber lesen will, nehme dieses Buch zu Hand. Denn Lesen hilft verstehen.</p>
<p>Wie die Autorin selber schreibt:</p>
<blockquote><p>Ich lese, um als Kind von Eltern, die unvorstellbares Leid erlitten haben, alles zu fühlen. Ich lese, um tapfer zu sein und um zu lernen, meinen Weg in einer sich ständig verändernden Welt zu finden.</p></blockquote>
<p>Und ein bisschen <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Jiddisch">Jiddisch</a> lernen ist auch noch drin. Mehr mag ich gar nicht sagen.</p>
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		<title>Am Schnürchen</title>
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		<pubDate>Mon, 27 Dec 2010 19:24:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Modeste</dc:creator>
				<category><![CDATA[ab 2000]]></category>

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		<description><![CDATA[Martin Mosebach, Was davor geschah Es existiert eine merkwürdige literarische Konvention, menschliche Erlebnisse nur dann für erzählenswert zu halten, wenn sie Personen zustoßen, die sich am äußersten, gefährdeten Rande der Gesellschaft bewegen. Eine Liebesgeschichte zwischen Obdachlosen etwa, ein wenig Sozialrealismus aus dem Arbeitsamt, ungelüftete Zimmer und die Polizei, ganz als würde der lesende Bürger sich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Martin Mosebach, <em>Was davor geschah</em></p>
<p><a href="http://common-reader.de/wordpress/wp-content/uploads/2010/12/Mosebach.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-761" title="Mosebach" src="http://common-reader.de/wordpress/wp-content/uploads/2010/12/Mosebach-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" /></a>Es existiert eine merkwürdige literarische Konvention, menschliche Erlebnisse nur dann für erzählenswert zu halten, wenn sie Personen zustoßen, die sich am äußersten, gefährdeten Rande der Gesellschaft bewegen. Eine Liebesgeschichte zwischen Obdachlosen etwa, ein wenig Sozialrealismus aus dem Arbeitsamt, ungelüftete Zimmer und die Polizei, ganz als würde der lesende Bürger sich und seiner Welt weder Komödie noch Drama zutrauen. Es mag (aber vielleicht irre ich mich) auch ein wenig einfacher sein, über Menschen zu schreiben, die der durchschnittliche Leser, wie man ihn bei Buchhandlungslesungen oder im Theater antrifft, nicht recht kennt. Man merkt dann nicht gleich, wenn die Abbildung der Gegenwart nicht so arg gelungen sein sollte</p>
<p>Spielt eine Liebesgeschichte &#8211; nein: deren Vorgeschichte &#8211; also einmal unter Menschen, die, ohne direkt gleich im engeren Sinne reich zu sein, wenig finanzielle Sorgen haben, ein offenes Haus im Taunus führen, Gäste in diesem Hause sind, Geschäfte machen und etwas gelangweilt, aber höflich miteinander verheiratet sind, ist man daher angenehm überrascht. Das bürgerliche Liebesleben kommt ja ansonsten immer etwas schlecht weg, so als sei der Spitzensteuersatz zwingend mit erotischer Unerlöstheit verbunden, so dass man schon fast dankbar ist, wenn abseits der ganz trivialen Sphären auch einmal ein Minister a. D. auftritt, ein Unsympath letztlich, aber auch wiederum nicht so verzeichnet, dass er nur noch als Karikatur daherkäme. Auch die Kindergeneration, Leute also zwischen 20 und 30, tauchen auf, die träge, stets etwas benommene Silvi, verheiratet mit dem hoffnungslosen Sohn Hans-Jörg des ehemaligen Ministers, der levantinische Geschäftsmann Salam, das Ehepaar Hopsten und seine Kinder und Gäste, unter ihnen auch der Ich-Erzähler, ein junger Bankangestellter, neu in Frankfurt am Main, und Frau Helga Stolzier, die als eine Art Stilberaterin der Frau Hopsten auftritt, schließlich diejenige Frau einführt, die am Ende den Bankangestellten fragen wird, was denn nun wirklich geschah, bevor man zusammengekommen ist. Viele Zufälle, unspektakulär für sich genommen, kleine, amüsante, sommerliche Geschichten reihen sich wie die Perlen einer Kette aneinander, bis am Ende das Paar sich trifft.</p>
<p>Nahtlos gefügt wie an unsichtbaren Schnüren wechseln die Szenen in angenehm plätscherndem Parlando. Man verliebt sich nicht über Gebühr heftig, man lädt sich ein, man betrügt sich nicht ganz ohne Drama, ein anonym böser Brief trifft ins Schwarze. Am Ende trennen sich zwei Paare, damit sich eins findet, und wenn der Roman endet, hat die Nachtigall gesungen, ein Kakadu hat sich geputzt, ein Baum wurde gefällt, und ganz bar der schrillen Töne fällt der Vorhang unter verdientem Applaus.</p>
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		<title>Im Herzen des Schreckens</title>
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		<pubDate>Sun, 19 Dec 2010 17:23:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Anselm Neft</dc:creator>
				<category><![CDATA[ab 2000]]></category>
		<category><![CDATA[Horror]]></category>
		<category><![CDATA[Kafka]]></category>
		<category><![CDATA[Lovecraft]]></category>
		<category><![CDATA[Poe]]></category>
		<category><![CDATA[thomas bernhard]]></category>
		<category><![CDATA[Thomas Ligotti]]></category>

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		<description><![CDATA[Thomas Ligotti:  Teatro Grotesco (Virgin Books 2008) Hätten mich alle Geschichten des hier zu besprechenden Buches so fasziniert wie die erste („Purity“) und die letzte („The Shadow, the Darkness“) – ich hätte keine Rezension dazu veröffentlicht. Das, was für mich auf eine eng mit meiner Person verwobene Weise großartig ist, möchte ich nur mit den [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://common-reader.de/wordpress/wp-content/uploads/2010/12/CIMG1545.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-752" title="CIMG1545" src="http://common-reader.de/wordpress/wp-content/uploads/2010/12/CIMG1545-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" /></a>Thomas Ligotti:  <em>Teatro Grotesco</em> (Virgin Books 2008)</p>
<p>Hätten mich alle Geschichten des hier zu besprechenden Buches so fasziniert wie die erste („Purity“) und die letzte („The Shadow, the Darkness“) – ich hätte keine Rezension dazu veröffentlicht. Das, was für mich auf eine eng mit meiner Person verwobene Weise großartig ist, möchte ich nur mit den Wenigsten teilen. Vielleicht ist das egoistisch, vor allem aber  verbirgt sich dahinter die Sorge, dass unter den Augen Anderer die Magie geschwächt wird.</p>
<p>Ligotti wollte nach eigener Aussage stets nur ein Insider-Autor sein, und wenn man sieht, dass sein nicht mehr verlegtes Frühwerk hei Amazon für bis zu 200 € gehandelt wird, kann man vermuten: Es ist ihm gelungen.</p>
<p>Wie bei H.P. Lovecraft haben Ligottis Horrorerzählungen einen pessimistischen Überbau. Das Entsetzen ist nicht allein Reaktion auf singuläre Phänomene, sondern in letzter Konsequenz auf die Existenz selbst. Wer dieser &#8220;dunklen Gnosis&#8221; einmal teilhaftig geworden ist, kann, wenn überhaupt, nur noch durch ein Eingeständnis der Sinnlosigkeit und vielleicht eine zunehmende Identifikation mit dem Gräßlichen in der Monstrosität des Daseins ausharren. Hierzu ein Zitat aus den Erzählfragmenten „Sideshow and other stories“:</p>
<p>&#8220;I wanted to believe that this artist had escaped the dreams and demons of all sentiment in order to explore the foul and crummy delights of a universe where everything had been reduced to three stark principles: first, that there was nowhere for you to go; second, that there was nothing for you to do; and third, that there was no one for you to know. Of course, I knew that this view was an illusion like any other, but it was also one that had sustained me so long and so well &#8212; as long and as well as any other illusion and perhaps longer, perhaps better.&#8221;</p>
<p>In der Titelgeschichte heißt es: &#8220;It has always seemed to me that my existence consisted purely and exclusively of nothing but the most outrageous nonsense.&#8221;</p>
<p>Ähnlich wie Edgar Allan Poe nähert sich Ligotti der zersetzenden Einsicht in den Widersinn der eigenen Identität und die Widerwärtigkeit des Universums oft mit nüchterner Beobachtung und scheinbarer Rationalität. Auch der größte Irrwitz (wie z.B. die Fabrik in „The Red Tower“) wird mit einer gewissen Gelassenheit dargestellt: Vor dem Unausweichlichen erscheint jede Hysterie unangebracht.</p>
<p>Im Genre des Horrors gehört Ligotti zu den großen Stilisten. In seinen Mitteln limitierter als Poe, übertrifft er sprachlich Lovecraft mit Leichtigkeit. Dennoch neigt auch Ligotti in manchen Passagen zu einem lovecraftschen „Zuviel“. Zwar weiß er sich bei dem Gebrauch von Adjektiven auf das Nötige zu beschränken, aber beizeiten wiederholt er Gedankengänge und leicht variierte Beschreibungen recht häufig, ohne dass jedes Mal die vermutlich angestrebte Sogwirkung (im Sinne eines Thomas Bernhard, der neben Nabokov, Poe und Kafka zu Ligottis Vorbildern zählt) erreicht würde. Obendrein philosophieren die Ich-Erzähler (z.B. in der größtenteils fesselnden Geschichte „The Gas Station Carnivals“) hin und wieder etwas zu ungezügelt vor sich hin und schwächen damit leider die Wirkung der meist atmosphärisch äußerst dichten Erzählungen.</p>
<p>Neben seinem stilistischen Anspruch sowie seinem konsequenten und unbestechlichen Pessimismus, liegt eine weitere Stärke Ligottis darin, dass er moderne Arbeitsbedingungen thematisiert. Texte wie „My Case for Retributive Action” oder „Our Temporary Supervisor“ könnten mit dem Sub-Genre-Etikett “Corporate Horror” versehen werden. Auch die wiederkehrenden Darstellungen von Zirkeln erfolgloser Künsterlerinnen und Künstler bergen einen subtilen schwarzen Humor, der zusammen mit der gotischen Eleganz der ligottischen Phantasmagorien, deren inhaltliche Finsternis erträglich macht. Oder, um es mit Ligotti selbst zu sagen: „We may hide from horror only in the heart of horror.”</p>
<p>P.S.: Die Übersetzungen ins Deutsche sollen nicht besonders gelungen sein.</p>
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		<title>Misanthropie und Romantik</title>
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		<pubDate>Wed, 17 Nov 2010 11:50:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Kaltmamsell</dc:creator>
				<category><![CDATA[ab 2000]]></category>

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		<description><![CDATA[Sibylle Berg, Der Mann schläft Die Misanthropin, die als Erzählerin im Zentrum von Sibylle Bergs Der Mann schläft von 2010 steht, hat mich meist an Else Buschheuer erinnerte, manchmal auch an Frau Modeste, hin und wieder an Frau Gaga. So sehr war noch keine meiner Buchlektüren von Blogleserei beeinflusst. Else Buchheuer äußert ihre Unbehagen den [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://common-reader.de/wordpress/wp-content/uploads/2010/11/Der_Mann_schlaeft.jpg" alt="" title="Der_Mann_schlaeft" width="281" height="262" class="alignleft size-full wp-image-730" /></p>
<p>Sibylle Berg, <i>Der Mann schläft</i></p>
<p>Die Misanthropin, die als Erzählerin im Zentrum von Sibylle Bergs <i>Der Mann schläft</i> von 2010 steht, hat mich meist an <a href="http://twitter.com/#!/buschheuer">Else Buschheuer</a> erinnerte, manchmal auch an <a href="http://modeste.twoday.net/">Frau Modeste</a>, hin und wieder an <a href="http://gaga.twoday.net/">Frau Gaga</a>. So sehr war noch keine meiner Buchlektüren von Blogleserei beeinflusst. Else Buchheuer äußert ihre Unbehagen den Menschen gegenüber inzwischen hauptsächlich bei Twitter (z.B. „merke: auf die einleitungsfrage‚ darf ich offen zu Ihnen sein?‘ stets frenetisch den kopf schütteln!“). Frau Modeste ist den Menschen erheblich zugetaner, leidet aber doch hin und wieder an den Durchschnittsexemplaren der Gattung. Gaga wiederum hat kürzlich einige anerzogene Hemmung fallengelassen und zugegeben, <a href="http://gaga.twoday.net/stories/8410379/">wie sehr sie oft menschliche Kontakte als Belästigung empfindet</a>.</p>
<p>Die Erzählerin ist eine nicht mehr junge Frau, die bis in ihr Innerstes am liebsten für sich ist. Die Grundtriebe nötigen sie dazu, ihre Wohnung hin und wieder zu verlassen und mit Menschen in Kontakt zu treten, doch selbst diese Interaktionen kosten sie immer mehr Energie. Das macht die Fassungslosigkeit nachvollziehbar, mit der diese Frau eines Tages vor der Entdeckung steht, dass es einen Menschen gibt, der sie überhaupt nicht stört, in dessen Anwesenheit sie sich sogar wohler fühlt als in dessen Abwesenheit, um den sie sich sorgt, den sie auch ohne erotisches Begehren physisch herbeisehnt.</p>
<p>Die Geschichte hat zwei Handlungsstränge, die einander kapitelweise abwechseln: Der eine beginnt vor vier Jahren und erzählt die Zeit, in der die Ich diesen Mann kennenlernte und ein Leben mit ihm begann. Der zweite spielt in der Gegenwart auf einer Insel vor Hongkong, auf der sich die Frau jetzt ohne den Mann befindet. Die Vergangenheit erzählt sie bis heran an die Gegenwart, in den letzten Kapiteln decken sich die Stränge. Im Zentrum stehen die Liebe und der unerträgliche Schmerz der Erzählerin, erzeugt durch die Lücke, die die Abwesenheit des Mannes hinterlassen hat.</p>
<p>Wieder wünschte ich, ich hätte den Klappentext nicht gelesen: Er nimmt als Tatsache vorweg, was der Roman zumindest im ersten Drittel lediglich als Möglichkeit durchscheinen lässt, nämlich was mit dem titelgebenden Mann, der schläft, los ist. Kann sich eine Autorin dagegen nicht wehren? Hat man ihr erklärt, das Buch werde sich nicht verkaufen, wenn dem Klappentext diese Schlüsselinformation fehlt? Zum wiederholten Mal nehme ich mir vor, Klappentexte erst nach der Lektüre eines Romans zu lesen.</p>
<p>Die Erzählerin drückt sich ausgesprochen manieriert aus &#8211; sie scheint nicht nur der Menschen, sondern auch ihrer heimeligsten Wörter überdrüssig. Manchmal treibt sie das bis hart an die Grenze des Hinnehmbaren, zum Beispiel wenn sie einen fehlgeschlagenen Morgengruß mit „versuche ich ihr die Tageszeit zuzuraunen“ ausdrückt.</p>
<p>Fast keine der Personen hat einen Namen, sie sind „der Mann“, „der Masseur“, „die schwierige Bekannte“, „der unsichtbare Herr“, „die Prostituierte“. Ausnahmen sind ein Mädchen namens Kim und ein Cafébesitzer Jack. Die Geschichte all dieser Menschen sind Teil des Romans, mal mehr, mal weniger konventionell erzählt.</p>
<p>Eigentümlich ist der Roman, doch ist er surreal oder bloß nicht-realistisch? Viele Details sind bizarr, zum Beispiel spielen selbst gebaute Archen / Raumschiffe und Ritualmorde eine Rolle. Und die Wahrnehmung der Erzählerin entzieht sich gerne mal normaler Überprüfbarkeit – wenn sie zum Beispiel beiläufig berichtet, dass sie durch ein Fenster einen aus der Schule heimkehrenden Buben beobachtet, der seine Großmutter umarmt und ihr dann ein Beil in den Kopf schlägt. Andere Details wieder widersetzen sich einfach den Erwartungen an realistisches Erzählen: Geld kommt im ganzen Roman nicht vor, nie wird etwas bezahlt, und die materielle Grundlage für einen monatelangen Aufenthalt auf einer asiatischen Ferieninsel ist kein Thema.</p>
<p>Dann wiederum liefert die Geschichte die realistischste Beschreibung von Liebe, die ich je gelesen habe. So kam ich ja auch auf das Buch: über <a href="http://www.umagazine.de/artikel.php?ID=510035&#038;title=ROMANTIK+IST+BULLSHIT&#038;artist=Sibylle+Berg&#038;topic=popkultur">ein Interview mit Sibylle Berg</a>. Die Klischeeliebe der Filme, der Musiktexte, der Werbung will uns nur Dinge und Dienstleitungen verkaufen, so erzählt es auch der Roman – es ist völlig hirnrissig, sich zur Sehnsucht nach dieser Klebrigkeit manipulieren zu lassen. Die Liebe in <i>Der Mann schläft</i>, die einfach dafür sorgt, dass es jemandem dauerhaft besser geht, kommt in der Literatur kaum vor (obwohl sie durchaus romantisch im kulturhistorischen Sinn ist und irrational).</p>
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		<title>Spurensuche in Weinkellern</title>
		<link>http://common-reader.de/2010/09/komarek-himmel-polt-und-hoelle/</link>
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		<pubDate>Wed, 15 Sep 2010 17:24:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Kaltmamsell</dc:creator>
				<category><![CDATA[ab 2000]]></category>

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		<description><![CDATA[Alfred Komarek, Himmel, Polt und Hölle, erschienen 2001 Der Klappentext beginnt so: Ein glühend heißer Sommer im Wiesbachtal. Doch wieder mal trügt die Landidylle. Einer beginnt zu zündeln, aus dummen Späßen werden handfeste Schweinereien, schließlich Sabotage und &#8211; Mord. Simon Polt ermittelt diesmal nicht nur in Wirtshäusern und Kellergassen, sondern auch an einem Ort, den [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://common-reader.de/wordpress/wp-content/uploads/2010/09/100915_Komarek.jpg"><img src="http://common-reader.de/wordpress/wp-content/uploads/2010/09/100915_Komarek-225x300.jpg" alt="" title="100915_Komarek" width="225" height="300" class="alignleft size-medium wp-image-693" /></a></p>
<p>Alfred Komarek, <i>Himmel, Polt und Hölle</i>, erschienen 2001</p>
<p>Der Klappentext beginnt so:</p>
<blockquote><p>Ein glühend heißer Sommer im Wiesbachtal. Doch wieder mal trügt die Landidylle. Einer beginnt zu zündeln, aus dummen Späßen werden handfeste Schweinereien, schließlich Sabotage und &#8211; Mord.<br />
Simon Polt ermittelt diesmal nicht nur in Wirtshäusern und Kellergassen, sondern auch an einem Ort, den er bislang nur mit respektvoller Scheu betreten hat, dem Pfarrhaus.</p></blockquote>
<p>Sieht aus wie ein weiterer der im vergangenen Jahrzehnt Mode gewordenen Heimatkrimis? Ist es auch. Dafür aber ein recht netter.</p>
<p>Vor zwei Wochen hatte ich von einer <a href="http://www.vorspeisenplatte.de/speisen/2010/09/abenteuer-wein.htm" target=_"new">Weinverkostung in Gols</a> aus den Mitbewohner angerufen und ihm atemlos von meinen Erlebnissen des Tages erzählt. Das komme ihm bekannt vor, meinte er, er habe da einen Krimi, der im beschriebenen Ambiente spiele. (Ich glaube: Wenn ich mir in den nächsten 20 Jahren kein einziges Buch mehr kaufte und mich nur durch des Mitbewohners Bibliothek läse, würde mir nicht langweilig.) (Wenn! Keine Angst, <a href="http://www.tucholskybuchhandlung.de/" target=_"new">Frau Meyer-Clason</a>.) Ich bat den Herrn also, mir das Buch rauszulegen.</p>
<p>Wir befinden uns im niederösterreichischen Weinviertel und sehen die Welt personal erzählt aus der Perspektive des Dorfkriminalers („Gendarmen“) Simon Polt. Wirklich greifbar ist er mir allerdings dennoch bis zum Ende des Buches nicht geworden. Das lag an solchen Kleinigkeiten wie der, dass Polt ganz zu Anfang als „von achtungsgebietender Leibesfülle“ geschildert wird, der weitere Text mir das aber an nichts beweist: Er passt durch jeden Mauerspalt ohne auch nur den Bauch einzuziehen, er setzt sich auf jede noch so kleine Bank, ohne dass diese ächzte, dafür fährt auch die längsten und steilsten Strecken mühelos mit dem Rad – nach und nach passte ich als Leserin mein inneres Bild von dem Herrn an, bis von Leibesfülle nicht mehr die Rede sein konnte.</p>
<p>Das Dorf quillt vor skurriler Gestalten mit skurrilen Lebenswegen über, im Verlauf der Handlung ergänzt durch zwei Wien-Importe, die in Erscheinung und Ausdrucksweise in ein Skurrilitätswettrennen mit der heimischen Bevölkerung geschickt werden. Das ist durchaus originell und nett ausgedacht.</p>
<p>Um Stereotype kommen wir leider trotzdem nicht herum: Der Lehrer sagt „Setzen!“, der Pfarrer wird mit „Hochwürden“ angesprochen und sagt „mein Sohn“, die Lehrerin ist hübsch und lässt jeden Mann, dem sie begegnet, denken, dass er bei ihr jederzeit gerne Schüler gewesen wäre.</p>
<p>Wirklich schön ist das Weinambiente. Es wird sich durch zahlreiche Presshäuser und Weinkeller verkostet, dabei ernst zu nehmend gefachsimpelt. Dass ausgerechnet ein Cabernet Sauvignon zum Mordinstrument wird, könnte man als Kritik an der damaligen österreichischen Mode sehen, angesagte Weinsorten aus USA anzubauen (habe mir dieses Jahr in Gols sagen lassen, man habe damit aufgehört und sich statt dessen autochthonen und regional typischen Rebsorten zugewandt).</p>
<p>Habe mich insgesamt nicht unter Niveau amüsiert, aber keine Lust auf weitere Romane dieser Serie bekommen.</p>
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