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	<title>Common Reader &#187; ab 2000</title>
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		<title>Frauenbuchlaunigkeit oder Tragikomik?</title>
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		<pubDate>Wed, 25 Jan 2012 09:31:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Kaltmamsell</dc:creator>
				<category><![CDATA[ab 2000]]></category>

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		<description><![CDATA[Mariana Leky, Die Herrenausstatterin Fantastische Elemente in Romanen sind schwierig, selbst wenn sie als magic realism konstruiert sind: In einer sonst alltäglichen und realistischen Umgebung rutschen sie leicht ins Niedliche, vor allem in Frauenromanen. Und das ist vermutlich mein Problem mit Die Herrenausstatterin von Mariana Leky. Die Ich-Erzählerin Katja hat ihren Mann verloren, erst an [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mariana Leky, <i>Die Herrenausstatterin</i></p>
<p><a href="http://common-reader.de/wordpress/wp-content/uploads/2012/01/Herrenausstatterin.jpg"><img src="http://common-reader.de/wordpress/wp-content/uploads/2012/01/Herrenausstatterin.jpg" alt="" title="Herrenausstatterin" width="300" height="268" class="alignleft size-full wp-image-881" /></a></p>
<p>Fantastische Elemente in Romanen sind schwierig, selbst wenn sie als <i>magic realism</i> konstruiert sind: In einer sonst alltäglichen und realistischen Umgebung rutschen sie leicht ins Niedliche, vor allem in Frauenromanen. Und das ist vermutlich mein Problem mit <i>Die Herrenausstatterin</i> von Mariana Leky. Die Ich-Erzählerin Katja hat ihren Mann verloren, erst an eine andere Frau, kurz darauf an den Tod. Ihre überforderte Psyche fantasiert sich daraufhin zwei Männer herbei, von denen der eine zumindest ein Pendant in der Realität zu haben scheint: Den gepflegte alte Herr Blank, soeben verstorben und nun auf dem Rand ihrer Badewanne sitzend, und den Feuerwehrmann Armin, dessen Auftauchen in ihrer Küche ebenso wenig erklärt wird. Der <i>realism</i> dabei ist, dass sie in ihrem Alltag damit problemlos durchkommt. Das funktioniert erzählerisch nur durch einen gewissen launigen (Sie merken vermutlich, dass ich überdurchschnittlich empfindlich auf deutsche Launigkeit reagiere) Frauenbuchtonfall, der allerdings auf die meisten Leserinnen den Effekt der Tragikomik zu haben scheint – darauf lässt zumindest das Echo in Blogs und Frauenzeitschriften schließen. Zu meinem großen Bedauern funktionierte das bei mir nicht: Mich machte der Roman ratlos – ein interessanter Versuch, die Verarbeitung von menschlichem Leid zu schildern, aber für mich recht beliebig. Ich bin auch bis zum Schluss nicht mit der Erzählerin warm geworden, habe sie nicht zu fassen bekommen. Ihre Wortwahl und Bildlichkeit waren immer wieder unkonventionell genug, um mich bei der Stange zu halten, aber ich bekam kein Gefühl dafür, wer diese Katja eigentlich ist.</p>
<p>Mit ein wenig gutem Willen lasse ich mich von der <i>Herrenausstatterin</i> an Peter S. Beagles <i>A Fine and Private Place</i> erinnern – auch darin helfen Tote einer Frau über einen Verlust hinweg.</p>
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		<title>Dumme Schafe</title>
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		<pubDate>Wed, 11 May 2011 19:44:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Modeste</dc:creator>
				<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>
		<category><![CDATA[ab 2000]]></category>

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		<description><![CDATA[Katja Lange-Müller, Böse Schafe, 2007 Vielleicht liegt&#8217;s an mir. Vielleicht liegt es daran, dass ich noch nie einen Mann retten wollte, an dem mir etwas lag, denn ich möchte für nichts und niemanden leiden, ich will Annehmlichkeiten und schöne, weiße Pelze und Sahnetorten und einen Mann, der mir morgens und abends sagt, dass ich zauberhaft [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://common-reader.de/wordpress/wp-content/uploads/2011/05/41dFLZKSVJL._SL500_AA300_.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-819" title="41dFLZKSVJL._SL500_AA300_" src="http://common-reader.de/wordpress/wp-content/uploads/2011/05/41dFLZKSVJL._SL500_AA300_.jpg" alt="" width="300" height="300" /></a><em><strong>Katja Lange-Müller, Böse Schafe, 2007</strong></em></p>
<p>Vielleicht liegt&#8217;s an mir. Vielleicht liegt es daran, dass ich noch nie einen Mann retten wollte, an dem mir etwas lag, denn ich möchte für nichts und niemanden leiden, ich will Annehmlichkeiten und <a href="http://modeste.twoday.net/stories/5303060/">schöne, weiße Pelze</a> und Sahnetorten und einen Mann, der mir morgens und abends sagt, dass ich zauberhaft sei. Vielleicht bin ich deswegen die falsche Leserin für Katja Müller-Langes Roman &#8220;Böse Schafe&#8221;, der von Soja handelt, die in den Achtzigern aus dem Osten nach Westberlin kommt und sich in den letzten Jahren vor der Grenzöffnung in Harry verliebt, einen Junkie, und dann alles für ihn tut, und er tut nichts für sie.</p>
<p>Mag sein, dass das für manche Leute wie Liebe aussieht. Für mich sieht das wie eine pathologische Koabhängigkeit aus, zumal Frau Müller-Lange den drogenabhängigen und HIV-infizierten Ex-Sträfling Harry mit keinem liebenswerten Zug ausstattet: Harry ist nicht nur auf einer reichlich abschüssigen Bahn ziemlich weit unten angekommen. Harry ist auch ein echter Kotzbrocken, verlogen, vulgär, kriminell wohl nicht nur aus Not, sondern auch aus Neigung, rücksichtslos gegenüber denen, die ihm helfen wollen, undankbar und unverschämt gegenüber Soja und denen, die sie dazu bringt, ihm zur Seite zu stehen. Nicht einmal ein echtes gegenseitiges Gefühl scheint Harry Soja entgegen zu bringen, denn in seinen Aufzeichnungen, die sie Jahre später nach seinem Tod an Aids liest, taucht sie nicht auf.</p>
<p>An keiner Stelle des Buches tut mir Harry leid, der am Ende in einem Hospiz an Aids stirbt. Wie man sich bettet, so liegt man, schießt es mir durch den Kopf, auch wenn das oft ungerecht sein mag, aber hier scheint es hinzukommen. Auch auch für Soja habe ich nichts über, die ihre Empfindung für Harry bis ans Ende der Erzählung nicht hinterfragt. Auch die Schilderung des reichlich räudigen Moabit in der Vorwendezeit mag zutreffend und detailgetreu sein, aber was soll ich mit der Schilderung einer Welt, die mich nicht interessiert. Ein bisschen angeekelt bin ich von diesem Roman, den ich nicht durchgelesen hätte, hätte ich mehr zu Lesen mitgehabt auf einer langen Zugfahrt von Bangkok Richtung Süden, denn das ist die Liebe nicht. Das ist vielleicht nur Dummheit.</p>
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		<title>Wie das Leben weitergeht</title>
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		<pubDate>Sun, 27 Feb 2011 12:55:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>engl</dc:creator>
				<category><![CDATA[ab 2000]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich war das Kind von Holocaustüberlebenden, Bernice Eisenstein Es gibt Themen im Leben, die immer wiederkehren. Jeder Mensch hat sie, ob heimlich oder offiziell. Es gibt diese Knackpunkte, auf die trifft man in regelmäßigen Abständen und kaut aufs Neue darauf herum. Eines meiner Themen ist die Frage danach, wie Kinder durch das Leben ihrer Eltern [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Ich war das Kind von Holocaustüberlebenden, Bernice Eisenstein</em></p>
<p><img class="alignleft size-medium wp-image-787" title="bernice_eisenstein_ich_war_das_kind_von_holocaust_ueberlebenden" src="http://common-reader.de/wordpress/wp-content/uploads/2011/02/bernice_eisenstein_ich_war_das_kind_von_holocaust_ueberlebenden-230x300.jpg" alt="" width="230" height="300" />Es gibt Themen im Leben, die immer wiederkehren. Jeder Mensch hat sie, ob heimlich oder offiziell. Es gibt diese Knackpunkte, auf die trifft man in regelmäßigen Abständen und kaut aufs Neue darauf herum. Eines meiner Themen ist die Frage danach, wie Kinder durch das Leben ihrer Eltern beeinflusst werden.  Das ist nicht besonders originell, damit beschäftigen sich Wissenschaftszweige der unterschiedlichsten Art und die Literatur sowieso.</p>
<p>Familiengeschichten also. Eine ganz außergewöhnliche hat die Kanadierin <a href="http://www.berlinverlag.de/autor/autorDetails.asp?autorID=607">Bernice Eisenstein</a> geschrieben und gezeichnet. 2007 erschien sie auf Deutsch, inzwischen ist sie auch als Taschenbuch erhältlich, wie ich neulich festgestellt habe. Höchste Zeit, hier endlich einmal etwas dazu zu schreiben.</p>
<p>Was wissen wir in Deutschland noch von jüdischem Leben, von jüdischer Kultur, die hier vor ein paar Jahrzehnten so gnadenlos, so nachhaltig vernichtet wurde? Was wissen wir von dem Davor? Und vor allem, was wissen wir von dem, was danach kam? Überleben hört nicht auf am Tag der Befreiung. Überleben zieht sich durch die Jahre, durch die Leben, es greift durch die Generationen hindurch. Wer darüber lesen will, nehme dieses Buch zu Hand. Denn Lesen hilft verstehen.</p>
<p>Wie die Autorin selber schreibt:</p>
<blockquote><p>Ich lese, um als Kind von Eltern, die unvorstellbares Leid erlitten haben, alles zu fühlen. Ich lese, um tapfer zu sein und um zu lernen, meinen Weg in einer sich ständig verändernden Welt zu finden.</p></blockquote>
<p>Und ein bisschen <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Jiddisch">Jiddisch</a> lernen ist auch noch drin. Mehr mag ich gar nicht sagen.</p>
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		<title>Am Schnürchen</title>
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		<pubDate>Mon, 27 Dec 2010 19:24:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Modeste</dc:creator>
				<category><![CDATA[ab 2000]]></category>

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		<description><![CDATA[Martin Mosebach, Was davor geschah Es existiert eine merkwürdige literarische Konvention, menschliche Erlebnisse nur dann für erzählenswert zu halten, wenn sie Personen zustoßen, die sich am äußersten, gefährdeten Rande der Gesellschaft bewegen. Eine Liebesgeschichte zwischen Obdachlosen etwa, ein wenig Sozialrealismus aus dem Arbeitsamt, ungelüftete Zimmer und die Polizei, ganz als würde der lesende Bürger sich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Martin Mosebach, <em>Was davor geschah</em></p>
<p><a href="http://common-reader.de/wordpress/wp-content/uploads/2010/12/Mosebach.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-761" title="Mosebach" src="http://common-reader.de/wordpress/wp-content/uploads/2010/12/Mosebach-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" /></a>Es existiert eine merkwürdige literarische Konvention, menschliche Erlebnisse nur dann für erzählenswert zu halten, wenn sie Personen zustoßen, die sich am äußersten, gefährdeten Rande der Gesellschaft bewegen. Eine Liebesgeschichte zwischen Obdachlosen etwa, ein wenig Sozialrealismus aus dem Arbeitsamt, ungelüftete Zimmer und die Polizei, ganz als würde der lesende Bürger sich und seiner Welt weder Komödie noch Drama zutrauen. Es mag (aber vielleicht irre ich mich) auch ein wenig einfacher sein, über Menschen zu schreiben, die der durchschnittliche Leser, wie man ihn bei Buchhandlungslesungen oder im Theater antrifft, nicht recht kennt. Man merkt dann nicht gleich, wenn die Abbildung der Gegenwart nicht so arg gelungen sein sollte</p>
<p>Spielt eine Liebesgeschichte &#8211; nein: deren Vorgeschichte &#8211; also einmal unter Menschen, die, ohne direkt gleich im engeren Sinne reich zu sein, wenig finanzielle Sorgen haben, ein offenes Haus im Taunus führen, Gäste in diesem Hause sind, Geschäfte machen und etwas gelangweilt, aber höflich miteinander verheiratet sind, ist man daher angenehm überrascht. Das bürgerliche Liebesleben kommt ja ansonsten immer etwas schlecht weg, so als sei der Spitzensteuersatz zwingend mit erotischer Unerlöstheit verbunden, so dass man schon fast dankbar ist, wenn abseits der ganz trivialen Sphären auch einmal ein Minister a. D. auftritt, ein Unsympath letztlich, aber auch wiederum nicht so verzeichnet, dass er nur noch als Karikatur daherkäme. Auch die Kindergeneration, Leute also zwischen 20 und 30, tauchen auf, die träge, stets etwas benommene Silvi, verheiratet mit dem hoffnungslosen Sohn Hans-Jörg des ehemaligen Ministers, der levantinische Geschäftsmann Salam, das Ehepaar Hopsten und seine Kinder und Gäste, unter ihnen auch der Ich-Erzähler, ein junger Bankangestellter, neu in Frankfurt am Main, und Frau Helga Stolzier, die als eine Art Stilberaterin der Frau Hopsten auftritt, schließlich diejenige Frau einführt, die am Ende den Bankangestellten fragen wird, was denn nun wirklich geschah, bevor man zusammengekommen ist. Viele Zufälle, unspektakulär für sich genommen, kleine, amüsante, sommerliche Geschichten reihen sich wie die Perlen einer Kette aneinander, bis am Ende das Paar sich trifft.</p>
<p>Nahtlos gefügt wie an unsichtbaren Schnüren wechseln die Szenen in angenehm plätscherndem Parlando. Man verliebt sich nicht über Gebühr heftig, man lädt sich ein, man betrügt sich nicht ganz ohne Drama, ein anonym böser Brief trifft ins Schwarze. Am Ende trennen sich zwei Paare, damit sich eins findet, und wenn der Roman endet, hat die Nachtigall gesungen, ein Kakadu hat sich geputzt, ein Baum wurde gefällt, und ganz bar der schrillen Töne fällt der Vorhang unter verdientem Applaus.</p>
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		<title>Im Herzen des Schreckens</title>
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		<pubDate>Sun, 19 Dec 2010 17:23:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Anselm Neft</dc:creator>
				<category><![CDATA[ab 2000]]></category>
		<category><![CDATA[Horror]]></category>
		<category><![CDATA[Kafka]]></category>
		<category><![CDATA[Lovecraft]]></category>
		<category><![CDATA[Poe]]></category>
		<category><![CDATA[thomas bernhard]]></category>
		<category><![CDATA[Thomas Ligotti]]></category>

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		<description><![CDATA[Thomas Ligotti:  Teatro Grotesco (Virgin Books 2008) Hätten mich alle Geschichten des hier zu besprechenden Buches so fasziniert wie die erste („Purity“) und die letzte („The Shadow, the Darkness“) – ich hätte keine Rezension dazu veröffentlicht. Das, was für mich auf eine eng mit meiner Person verwobene Weise großartig ist, möchte ich nur mit den [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://common-reader.de/wordpress/wp-content/uploads/2010/12/CIMG1545.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-752" title="CIMG1545" src="http://common-reader.de/wordpress/wp-content/uploads/2010/12/CIMG1545-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" /></a>Thomas Ligotti:  <em>Teatro Grotesco</em> (Virgin Books 2008)</p>
<p>Hätten mich alle Geschichten des hier zu besprechenden Buches so fasziniert wie die erste („Purity“) und die letzte („The Shadow, the Darkness“) – ich hätte keine Rezension dazu veröffentlicht. Das, was für mich auf eine eng mit meiner Person verwobene Weise großartig ist, möchte ich nur mit den Wenigsten teilen. Vielleicht ist das egoistisch, vor allem aber  verbirgt sich dahinter die Sorge, dass unter den Augen Anderer die Magie geschwächt wird.</p>
<p>Ligotti wollte nach eigener Aussage stets nur ein Insider-Autor sein, und wenn man sieht, dass sein nicht mehr verlegtes Frühwerk hei Amazon für bis zu 200 € gehandelt wird, kann man vermuten: Es ist ihm gelungen.</p>
<p>Wie bei H.P. Lovecraft haben Ligottis Horrorerzählungen einen pessimistischen Überbau. Das Entsetzen ist nicht allein Reaktion auf singuläre Phänomene, sondern in letzter Konsequenz auf die Existenz selbst. Wer dieser &#8220;dunklen Gnosis&#8221; einmal teilhaftig geworden ist, kann, wenn überhaupt, nur noch durch ein Eingeständnis der Sinnlosigkeit und vielleicht eine zunehmende Identifikation mit dem Gräßlichen in der Monstrosität des Daseins ausharren. Hierzu ein Zitat aus den Erzählfragmenten „Sideshow and other stories“:</p>
<p>&#8220;I wanted to believe that this artist had escaped the dreams and demons of all sentiment in order to explore the foul and crummy delights of a universe where everything had been reduced to three stark principles: first, that there was nowhere for you to go; second, that there was nothing for you to do; and third, that there was no one for you to know. Of course, I knew that this view was an illusion like any other, but it was also one that had sustained me so long and so well &#8212; as long and as well as any other illusion and perhaps longer, perhaps better.&#8221;</p>
<p>In der Titelgeschichte heißt es: &#8220;It has always seemed to me that my existence consisted purely and exclusively of nothing but the most outrageous nonsense.&#8221;</p>
<p>Ähnlich wie Edgar Allan Poe nähert sich Ligotti der zersetzenden Einsicht in den Widersinn der eigenen Identität und die Widerwärtigkeit des Universums oft mit nüchterner Beobachtung und scheinbarer Rationalität. Auch der größte Irrwitz (wie z.B. die Fabrik in „The Red Tower“) wird mit einer gewissen Gelassenheit dargestellt: Vor dem Unausweichlichen erscheint jede Hysterie unangebracht.</p>
<p>Im Genre des Horrors gehört Ligotti zu den großen Stilisten. In seinen Mitteln limitierter als Poe, übertrifft er sprachlich Lovecraft mit Leichtigkeit. Dennoch neigt auch Ligotti in manchen Passagen zu einem lovecraftschen „Zuviel“. Zwar weiß er sich bei dem Gebrauch von Adjektiven auf das Nötige zu beschränken, aber beizeiten wiederholt er Gedankengänge und leicht variierte Beschreibungen recht häufig, ohne dass jedes Mal die vermutlich angestrebte Sogwirkung (im Sinne eines Thomas Bernhard, der neben Nabokov, Poe und Kafka zu Ligottis Vorbildern zählt) erreicht würde. Obendrein philosophieren die Ich-Erzähler (z.B. in der größtenteils fesselnden Geschichte „The Gas Station Carnivals“) hin und wieder etwas zu ungezügelt vor sich hin und schwächen damit leider die Wirkung der meist atmosphärisch äußerst dichten Erzählungen.</p>
<p>Neben seinem stilistischen Anspruch sowie seinem konsequenten und unbestechlichen Pessimismus, liegt eine weitere Stärke Ligottis darin, dass er moderne Arbeitsbedingungen thematisiert. Texte wie „My Case for Retributive Action” oder „Our Temporary Supervisor“ könnten mit dem Sub-Genre-Etikett “Corporate Horror” versehen werden. Auch die wiederkehrenden Darstellungen von Zirkeln erfolgloser Künsterlerinnen und Künstler bergen einen subtilen schwarzen Humor, der zusammen mit der gotischen Eleganz der ligottischen Phantasmagorien, deren inhaltliche Finsternis erträglich macht. Oder, um es mit Ligotti selbst zu sagen: „We may hide from horror only in the heart of horror.”</p>
<p>P.S.: Die Übersetzungen ins Deutsche sollen nicht besonders gelungen sein.</p>
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		<title>Misanthropie und Romantik</title>
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		<pubDate>Wed, 17 Nov 2010 11:50:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Kaltmamsell</dc:creator>
				<category><![CDATA[ab 2000]]></category>

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		<description><![CDATA[Sibylle Berg, Der Mann schläft Die Misanthropin, die als Erzählerin im Zentrum von Sibylle Bergs Der Mann schläft von 2010 steht, hat mich meist an Else Buschheuer erinnerte, manchmal auch an Frau Modeste, hin und wieder an Frau Gaga. So sehr war noch keine meiner Buchlektüren von Blogleserei beeinflusst. Else Buchheuer äußert ihre Unbehagen den [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://common-reader.de/wordpress/wp-content/uploads/2010/11/Der_Mann_schlaeft.jpg" alt="" title="Der_Mann_schlaeft" width="281" height="262" class="alignleft size-full wp-image-730" /></p>
<p>Sibylle Berg, <i>Der Mann schläft</i></p>
<p>Die Misanthropin, die als Erzählerin im Zentrum von Sibylle Bergs <i>Der Mann schläft</i> von 2010 steht, hat mich meist an <a href="http://twitter.com/#!/buschheuer">Else Buschheuer</a> erinnerte, manchmal auch an <a href="http://modeste.twoday.net/">Frau Modeste</a>, hin und wieder an <a href="http://gaga.twoday.net/">Frau Gaga</a>. So sehr war noch keine meiner Buchlektüren von Blogleserei beeinflusst. Else Buchheuer äußert ihre Unbehagen den Menschen gegenüber inzwischen hauptsächlich bei Twitter (z.B. „merke: auf die einleitungsfrage‚ darf ich offen zu Ihnen sein?‘ stets frenetisch den kopf schütteln!“). Frau Modeste ist den Menschen erheblich zugetaner, leidet aber doch hin und wieder an den Durchschnittsexemplaren der Gattung. Gaga wiederum hat kürzlich einige anerzogene Hemmung fallengelassen und zugegeben, <a href="http://gaga.twoday.net/stories/8410379/">wie sehr sie oft menschliche Kontakte als Belästigung empfindet</a>.</p>
<p>Die Erzählerin ist eine nicht mehr junge Frau, die bis in ihr Innerstes am liebsten für sich ist. Die Grundtriebe nötigen sie dazu, ihre Wohnung hin und wieder zu verlassen und mit Menschen in Kontakt zu treten, doch selbst diese Interaktionen kosten sie immer mehr Energie. Das macht die Fassungslosigkeit nachvollziehbar, mit der diese Frau eines Tages vor der Entdeckung steht, dass es einen Menschen gibt, der sie überhaupt nicht stört, in dessen Anwesenheit sie sich sogar wohler fühlt als in dessen Abwesenheit, um den sie sich sorgt, den sie auch ohne erotisches Begehren physisch herbeisehnt.</p>
<p>Die Geschichte hat zwei Handlungsstränge, die einander kapitelweise abwechseln: Der eine beginnt vor vier Jahren und erzählt die Zeit, in der die Ich diesen Mann kennenlernte und ein Leben mit ihm begann. Der zweite spielt in der Gegenwart auf einer Insel vor Hongkong, auf der sich die Frau jetzt ohne den Mann befindet. Die Vergangenheit erzählt sie bis heran an die Gegenwart, in den letzten Kapiteln decken sich die Stränge. Im Zentrum stehen die Liebe und der unerträgliche Schmerz der Erzählerin, erzeugt durch die Lücke, die die Abwesenheit des Mannes hinterlassen hat.</p>
<p>Wieder wünschte ich, ich hätte den Klappentext nicht gelesen: Er nimmt als Tatsache vorweg, was der Roman zumindest im ersten Drittel lediglich als Möglichkeit durchscheinen lässt, nämlich was mit dem titelgebenden Mann, der schläft, los ist. Kann sich eine Autorin dagegen nicht wehren? Hat man ihr erklärt, das Buch werde sich nicht verkaufen, wenn dem Klappentext diese Schlüsselinformation fehlt? Zum wiederholten Mal nehme ich mir vor, Klappentexte erst nach der Lektüre eines Romans zu lesen.</p>
<p>Die Erzählerin drückt sich ausgesprochen manieriert aus &#8211; sie scheint nicht nur der Menschen, sondern auch ihrer heimeligsten Wörter überdrüssig. Manchmal treibt sie das bis hart an die Grenze des Hinnehmbaren, zum Beispiel wenn sie einen fehlgeschlagenen Morgengruß mit „versuche ich ihr die Tageszeit zuzuraunen“ ausdrückt.</p>
<p>Fast keine der Personen hat einen Namen, sie sind „der Mann“, „der Masseur“, „die schwierige Bekannte“, „der unsichtbare Herr“, „die Prostituierte“. Ausnahmen sind ein Mädchen namens Kim und ein Cafébesitzer Jack. Die Geschichte all dieser Menschen sind Teil des Romans, mal mehr, mal weniger konventionell erzählt.</p>
<p>Eigentümlich ist der Roman, doch ist er surreal oder bloß nicht-realistisch? Viele Details sind bizarr, zum Beispiel spielen selbst gebaute Archen / Raumschiffe und Ritualmorde eine Rolle. Und die Wahrnehmung der Erzählerin entzieht sich gerne mal normaler Überprüfbarkeit – wenn sie zum Beispiel beiläufig berichtet, dass sie durch ein Fenster einen aus der Schule heimkehrenden Buben beobachtet, der seine Großmutter umarmt und ihr dann ein Beil in den Kopf schlägt. Andere Details wieder widersetzen sich einfach den Erwartungen an realistisches Erzählen: Geld kommt im ganzen Roman nicht vor, nie wird etwas bezahlt, und die materielle Grundlage für einen monatelangen Aufenthalt auf einer asiatischen Ferieninsel ist kein Thema.</p>
<p>Dann wiederum liefert die Geschichte die realistischste Beschreibung von Liebe, die ich je gelesen habe. So kam ich ja auch auf das Buch: über <a href="http://www.umagazine.de/artikel.php?ID=510035&#038;title=ROMANTIK+IST+BULLSHIT&#038;artist=Sibylle+Berg&#038;topic=popkultur">ein Interview mit Sibylle Berg</a>. Die Klischeeliebe der Filme, der Musiktexte, der Werbung will uns nur Dinge und Dienstleitungen verkaufen, so erzählt es auch der Roman – es ist völlig hirnrissig, sich zur Sehnsucht nach dieser Klebrigkeit manipulieren zu lassen. Die Liebe in <i>Der Mann schläft</i>, die einfach dafür sorgt, dass es jemandem dauerhaft besser geht, kommt in der Literatur kaum vor (obwohl sie durchaus romantisch im kulturhistorischen Sinn ist und irrational).</p>
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		<title>Spurensuche in Weinkellern</title>
		<link>http://common-reader.de/2010/09/komarek-himmel-polt-und-hoelle/</link>
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		<pubDate>Wed, 15 Sep 2010 17:24:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Kaltmamsell</dc:creator>
				<category><![CDATA[ab 2000]]></category>

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		<description><![CDATA[Alfred Komarek, Himmel, Polt und Hölle, erschienen 2001 Der Klappentext beginnt so: Ein glühend heißer Sommer im Wiesbachtal. Doch wieder mal trügt die Landidylle. Einer beginnt zu zündeln, aus dummen Späßen werden handfeste Schweinereien, schließlich Sabotage und &#8211; Mord. Simon Polt ermittelt diesmal nicht nur in Wirtshäusern und Kellergassen, sondern auch an einem Ort, den [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://common-reader.de/wordpress/wp-content/uploads/2010/09/100915_Komarek.jpg"><img src="http://common-reader.de/wordpress/wp-content/uploads/2010/09/100915_Komarek-225x300.jpg" alt="" title="100915_Komarek" width="225" height="300" class="alignleft size-medium wp-image-693" /></a></p>
<p>Alfred Komarek, <i>Himmel, Polt und Hölle</i>, erschienen 2001</p>
<p>Der Klappentext beginnt so:</p>
<blockquote><p>Ein glühend heißer Sommer im Wiesbachtal. Doch wieder mal trügt die Landidylle. Einer beginnt zu zündeln, aus dummen Späßen werden handfeste Schweinereien, schließlich Sabotage und &#8211; Mord.<br />
Simon Polt ermittelt diesmal nicht nur in Wirtshäusern und Kellergassen, sondern auch an einem Ort, den er bislang nur mit respektvoller Scheu betreten hat, dem Pfarrhaus.</p></blockquote>
<p>Sieht aus wie ein weiterer der im vergangenen Jahrzehnt Mode gewordenen Heimatkrimis? Ist es auch. Dafür aber ein recht netter.</p>
<p>Vor zwei Wochen hatte ich von einer <a href="http://www.vorspeisenplatte.de/speisen/2010/09/abenteuer-wein.htm" target=_"new">Weinverkostung in Gols</a> aus den Mitbewohner angerufen und ihm atemlos von meinen Erlebnissen des Tages erzählt. Das komme ihm bekannt vor, meinte er, er habe da einen Krimi, der im beschriebenen Ambiente spiele. (Ich glaube: Wenn ich mir in den nächsten 20 Jahren kein einziges Buch mehr kaufte und mich nur durch des Mitbewohners Bibliothek läse, würde mir nicht langweilig.) (Wenn! Keine Angst, <a href="http://www.tucholskybuchhandlung.de/" target=_"new">Frau Meyer-Clason</a>.) Ich bat den Herrn also, mir das Buch rauszulegen.</p>
<p>Wir befinden uns im niederösterreichischen Weinviertel und sehen die Welt personal erzählt aus der Perspektive des Dorfkriminalers („Gendarmen“) Simon Polt. Wirklich greifbar ist er mir allerdings dennoch bis zum Ende des Buches nicht geworden. Das lag an solchen Kleinigkeiten wie der, dass Polt ganz zu Anfang als „von achtungsgebietender Leibesfülle“ geschildert wird, der weitere Text mir das aber an nichts beweist: Er passt durch jeden Mauerspalt ohne auch nur den Bauch einzuziehen, er setzt sich auf jede noch so kleine Bank, ohne dass diese ächzte, dafür fährt auch die längsten und steilsten Strecken mühelos mit dem Rad – nach und nach passte ich als Leserin mein inneres Bild von dem Herrn an, bis von Leibesfülle nicht mehr die Rede sein konnte.</p>
<p>Das Dorf quillt vor skurriler Gestalten mit skurrilen Lebenswegen über, im Verlauf der Handlung ergänzt durch zwei Wien-Importe, die in Erscheinung und Ausdrucksweise in ein Skurrilitätswettrennen mit der heimischen Bevölkerung geschickt werden. Das ist durchaus originell und nett ausgedacht.</p>
<p>Um Stereotype kommen wir leider trotzdem nicht herum: Der Lehrer sagt „Setzen!“, der Pfarrer wird mit „Hochwürden“ angesprochen und sagt „mein Sohn“, die Lehrerin ist hübsch und lässt jeden Mann, dem sie begegnet, denken, dass er bei ihr jederzeit gerne Schüler gewesen wäre.</p>
<p>Wirklich schön ist das Weinambiente. Es wird sich durch zahlreiche Presshäuser und Weinkeller verkostet, dabei ernst zu nehmend gefachsimpelt. Dass ausgerechnet ein Cabernet Sauvignon zum Mordinstrument wird, könnte man als Kritik an der damaligen österreichischen Mode sehen, angesagte Weinsorten aus USA anzubauen (habe mir dieses Jahr in Gols sagen lassen, man habe damit aufgehört und sich statt dessen autochthonen und regional typischen Rebsorten zugewandt).</p>
<p>Habe mich insgesamt nicht unter Niveau amüsiert, aber keine Lust auf weitere Romane dieser Serie bekommen.</p>
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		<title>Johanna Straub: Das Beste daran</title>
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		<pubDate>Thu, 09 Sep 2010 20:17:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Isa</dc:creator>
				<category><![CDATA[ab 2000]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Roman beginnt so: Sonst, wenn sie zu Hause sind, ist er derjenige, der anfängt, der weiß, wie es geht, die Zeit zwischen ihnen anzuhalten, derjenige, der Berührungen verwandelt in solche, die das Gegenteil von flüchtig sind und wichtig und unabdingbar, wenn er seine Hand auf ihren Bauch legt, liegen lässt, schwerer werden lässt und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://common-reader.de/wordpress/wp-content/uploads/2010/09/StraubBeste.jpg"><img src="http://common-reader.de/wordpress/wp-content/uploads/2010/09/StraubBeste.jpg" alt="" title="StraubBeste" width="200" height="200" class="alignright size-full wp-image-682" /></a>Der Roman beginnt so:<br />
<i>Sonst, wenn sie zu Hause sind, ist er derjenige, der anfängt, der weiß, wie es geht, die Zeit zwischen ihnen anzuhalten, derjenige, der Berührungen verwandelt in solche, die das Gegenteil von flüchtig sind und wichtig und unabdingbar, wenn er seine Hand auf ihren Bauch legt, liegen lässt, schwerer werden lässt und nach oben streicht, das Hemdchen, das sie beim Schlafen trägt, zusammen mit ihrem leichtern Widerstand beiseiteschiebt wie einen lästigen Schleier, während er etwas in ihr Ohr flüstert, das sie zum Lachen bringt, weil es sie kitzelt und weil Lachen vielleicht dagegen hilft, dass sich all die kleinen Härchen in ihrem Nacken aufrichten und dass ihre Knie weich werden, das dürfen sie jetzt, weil sie liegt, und die Knie müssen sie gerade nicht tragen, ihre Arme können sich um seinen Nacken schließen, ihre Augen dürfen zufallen und seine dann auch, und die Bilder der Gedanken dürfen blasser werden, bis es dahinter hell wird, weiß und gleißend, und die Struktur nachlässt, bis es eine helle, weiße Fläche wird, in der sie sein können, ohne dass da noch irgendetwas anderes wäre außer dem Licht, von dem da so viel ist, und noch mehr – aber jetzt ist sie diejenige …</i></p>
<p>Ui, jetzt so beim Abtippen klingt das ja erstens nach höllenlangen Sätzen und zweitens ein bisschen esoterisch mit dem Licht und dem Weiß und so. Aber so ist das gar nicht.<br />
Jette und Marvin, Mo, Ruben, Per, Anna, Alexandra und die anderen sind alle in dem Alter, in dem man sich mal entscheidet. Wer jemanden hat, muss entscheiden, ob man zusammenbleibt, und wenn ja, ob man Kinder bekommt (und was man tut, wenn es nicht klappt). Wer niemanden hat, sucht. Und alle haben eine Vergangenheit, in die wir auch einen Blick werfen.<br />
Ich musste beim Lesen immer wieder an PeterLichts <a href=http://www.youtube.com/watch?v=VaKfLmPKjkM>Trennungslied</a> denken; hier geht es zwar nicht um Trennung, sondern um das zwischen den Trennungen, um die Beziehungen nämlich, aber es ist ein ebensolcher Reigen wie bei PeterLicht: einer kennt den anderen, aber seine Frau nicht, die wiederum mit der nächsten befreundet ist und in der Vergangenheit wieder mit einem anderen zusammen war, und so weiter. Natürlich läuft keine Beziehung einfach so rund, jede hat ein anderes Problem, jede geht anders mit ihren Themen um.<br />
Und wenn ich neulich über Judith Schalanskys Matrosenroman <a href=http://common-reader.de/2010/09/665/>schrieb</a>, man habe da einen Haufen Puzzlestücke in der Hand, die kein Bild ergeben, so hat man hier ebenfalls Puzzlestücke, die aber ein sehr genaues Bild ergeben. „Portrait einer Generation“ steht hinten drauf, das mag eine abgedroschene Worthülse sein, stimmt aber. Sehr schönes Buch, sehr gut zu lesen.<br />
Johanna Straub steht im Regal zwischen Bram Stoker und Botho Strauß.</p>
<p><b>Johanna Straub: Das Beste daran. 221 Seiten. Liebeskind, 16,90 €</b></p>
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		<title>Ein jeder Mensch ist ein Abgrund</title>
		<link>http://common-reader.de/2010/09/ferdinand-von-schirach-schuld/</link>
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		<pubDate>Mon, 06 Sep 2010 19:30:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Modeste</dc:creator>
				<category><![CDATA[ab 2000]]></category>

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		<description><![CDATA[Ferdinand von Schirach, Schuld, 2010 Es ist eine verbreitete Vorstellung, der Mensch werde gelenkt wie eine Marionette. Irgendwo, unsichtbar, hinter den Kulissen, sitze der Puppenspieler und lasse den einen stolpern, den anderen lachen, zwei jagen einander von rechts nach links, und wenn es dem Puppenspieler gefällt, lässt er einen die Hand heben, und ein anderer [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://common-reader.de/wordpress/wp-content/uploads/2010/09/IMG_01861.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-674" title="IMG_0186" src="http://common-reader.de/wordpress/wp-content/uploads/2010/09/IMG_01861-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" /></a><em>Ferdinand von Schirach, Schuld, 2010<br />
</em></p>
<p>Es ist eine verbreitete Vorstellung, der Mensch werde gelenkt wie eine Marionette. Irgendwo, unsichtbar, hinter den Kulissen, sitze der Puppenspieler und lasse den einen stolpern, den anderen lachen, zwei jagen einander von rechts nach links, und wenn es dem Puppenspieler gefällt, lässt er einen die Hand heben, und ein anderer liegt still auf der Bühne. Einen Moment bleibt das Publikum dann betroffen sitzen und schweigt. Im nächsten kommt schon die Polizei, es wird geschäftig, Staatsanwälte klagen an, Strafverteidiger treten auf, und schließlich fällt der Richter ein Urteil. Das Puppenspiel über ein Verbrechen mag vorbei sein in diesem Moment. Über den Puppenspieler aber haben wir nichts erfahren. Das Verbrechen, den Mord, das Böse, wenn man so will, können wir sehen. Was es ist, sehen wir nicht.</p>
<p>Auch aus Ferdinand von Schirachs zweitem Buch (nach dem letztjährig erschienen Erstling <em>Verbrechen</em> des Charlottenburger Rechtsanwalts) erfahren wir nicht, was es ist, das den einen morden lässt und den anderen nicht. Über die Motive spricht von Schirach, das sicher. Die feinen Schattierungen zwischen Schuld und Unschuld, Schicksal und Zufall, Verhängnis vielleicht. Von der über Jahre misshandelten Frau, die sich von ihrem monströsen Ehemann befreit, als dieser ankündigt, das gemeinsame Kind anzugehen. Die Kindsmörderin. Ein bizarres Durcheinander von Kriminellen in der Unterwelt von Berlin, und ein paar rätselhafte, verstörende Geschichten, von denen wir nur Fetzen erfahren wie die, von denen man manchmal träumt, um verschwitzt und mit klopfendem Herz zu erwachen.</p>
<p>Etwas Marionettenhaftes werden den Protagonisten aller, nach eigener Aussage des Autors verfremdet aus seiner Praxis gegriffenen Geschichten nicht los. Sei es, dass die extrem verknappten, lakonischen, wohl ebenso vom juristischen Stil wie von einer Neigung zu manchen Amerikaner, Carver vor allem und Hemingway, geprägten Erzählungen eine gewisse Distanz schaffen, die gerade dort auffällt, wo Schirach sie mit einigen literarisierenden Sätzen zu überbrücken versucht. Doch wir kommen den Figuren nicht näher. Ein Abgrund von Fremdheit klafft zwischen den handelnden Personen nicht weniger als zwischen ihnen und uns. Eine kalte, klare Luft weht durch die kurzen Geschichten.</p>
<p>Gut lesbar sind Schirachs kurze Erzählungen. Man gewöhnt sich schnell an die harte Oberfläche der klaren Sprache, die manchmal, in ihren besten Momenten, etwas Metallisches gewinnt, nicht ohne Eleganz, das in der deutschen Gegenwartsliteratur selten ist, weil die Deutschen seit dem Krieg einen merkwürdigen Sonderweg beschritten haben mit ihren Büchern. Sicher profitiert der Autor von unser aller Voyeurismus, einer Faszination, die der Pitaval ebenso bedient wie das Vermischte in der Zeitung ganz hinten. Vielleicht aber reizt uns auch neben dem Puppenspiel über Blut und sinistre Sensationen der Puppenspieler selbst, die Ahnung der Wahrheit über die Herkunft von Gut und Böse, und der betroffene Blick auf die eigenen Glieder, wo denn die Schnüre wohl seien, an denen jener uns lenkt.</p>
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		<title>Judith Schalansky: Blau steht dir nicht. Matrosenroman</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Sep 2010 08:24:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Isa</dc:creator>
				<category><![CDATA[ab 2000]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Roman beginnt so: Ihre Großeltern wohnten am Meer. Sie wurden nie müde zu betonen, dass sie dort wohnten, wo andere Urlaub machen. Die Großmutter sagte es auch an diesem Morgen, als sie dem Großvater auf der Veranda Kaffee nachschenkte. Er stoppte sie mit einer Handbewegung. Neben ihm nickte Jenny, wippte ein wenig auf ihrem [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://common-reader.de/wordpress/wp-content/uploads/2010/09/SchalanskyMatrosen.jpg"><img src="http://common-reader.de/wordpress/wp-content/uploads/2010/09/SchalanskyMatrosen-150x150.jpg" alt="" title="SchalanskyMatrosen" width="150" height="150" class="alignright size-thumbnail wp-image-666" /></a>Der Roman beginnt so:<br />
<i>Ihre Großeltern wohnten am Meer. Sie wurden nie müde zu betonen, dass sie dort wohnten, wo andere Urlaub machen. Die Großmutter sagte es auch an diesem Morgen, als sie dem Großvater auf der Veranda Kaffee nachschenkte. Er stoppte sie mit einer Handbewegung. Neben ihm nickte Jenny, wippte ein wenig auf ihrem Stuhl und schaute aufs Fensterbrett. Dort waren die Schätze der Großmutter sorgfältig aufgereiht: eine Holzpuppe aus Ungarn, eine Vase mit blauäugigen Pfauenfedern, eine flammenfarbene Korallenkette in einer offenen Schatulle, zusammengerollt wie eine Schlange. Etwas abseits lag ein Seeigel.</i></p>
<p>Der „Matrosenroman“ hat nur gut 130 Seiten in sechs Kapiteln und ist irgendwie gar kein Roman. Kapitel eins, drei und fünf erzählen von Jenny, die immer wieder mal die Großeltern auf Usedom besucht, wo sie mit dem Großvater herumzieht und das Meer kennenlernt. Man geht als Leser davon aus, dass es sich hier um die Kindheitserinnerungen der Autorin handelt, zumal immer wieder private Fotos abgebildet sind.<br />
Die Kapitel zwei, vier und sechs werden von einem erwachsenen „Ich“ erzählt, wohl von der erwachsenen Jenny, die als Kind ihre Faszination für Matrosen entdeckte und sie als Erwachsene immer noch empfindet. Diese Erwachsenengeschichten empfand ich als irgendwie undurchsichtig – sie fährt irgendwohin (Riga, Odessa, New York), sieht etwas, zum Beispiel einen Matrosen, und schweift dann ausgiebig ab in historische Berichte über verschiedene Leute (im Matrosenanzug), sodass wir am Ende die Hand voller Puzzleteile haben, die sich aber nicht recht zu einem Gesamtbild zusammenfügen wollen. Es kommen halt immer wieder Matrosen vor, und die sind ebenfalls abgebildet.<br />
Das Buch macht mich völlig ratlos. Immer wieder wunderschön, schöne Bilder, aber eben nur im Kleinen. Man hat den Eindruck, Judith Schalansky hat ein paar Fotos von Menschen in Matrosenanzügen gesammelt, etwas dazu geschrieben, und bevor sich daraus etwas Zusammenhängendes ergeben konnte, war es schon gedruckt. Was nicht schlecht ist. Aber so ganz hat mir der Matrosenanzug als roter Faden nicht gereicht, auch wenn er als Faszinosum durchaus plausibel wird und das alles sehr poetisch ist.</p>
<p>Judith Schalansky ist ansonsten übrigens die Frau, die den wundervollen <a href=http://common-reader.de/2010/01/judith-schalansky-atlas-der-abgelegenen-inseln-funfzig-inseln-auf-denen-ich-nie-war-und-niemals-sein-werde/>Atlas der abgelegenen Inseln</a> verfasst hat, den Sie hoffentlich alle schon längst gekauft haben. Wenn nicht: los. </p>
<p>Judith Schalansky steht im Regal zwischen Marjane Satrapi und Bernhard Schlink.</p>
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